wsphoto.de: Die Ästhetik des Zerfalls

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Die Ästhetik des Zerfalls

Wo der Glanz früherer Epochen sich in eine fast surreale Welt verwandelt hat

GANZ EIGENE FASZINATION. Verlassene Industrieanlagen und Gebäude, die langsam vor sich hin rotten oder auf ihren Abriss warten, entfalten ihre ganz eigene Faszination: vergessene, menschenleere Orte, die den Besucher mit ihrer besonderen Stimmung fesseln und mit nostalgischen Gefühlen verzaubern können. Eine fast surreale Welt, in der einst hektisches Treiben, Lärm und wichtige Produktion stattfand, jetzt überzogen von einer Schicht aus Staub und Rost, begleitet von einer gespenstischen Stille, die nur ab und an unterbrochen wird von einem Knarren loser Teile im Wind, dem Flügelschlag eines verirrten Vogels oder tropfendem Wasser aus einem undicht gewordenen Dach.

TEIL DER KULTURELLEN IDENTITÄT. Diese Bauten, Überbleibsel einer anderen Zeit, deren Schöpfer längst von der Bildfläche verschwunden sind, haben seit dem Beginn der Industrialisierung mit ihrer wunderschönen und raumgreifenden Architektur maßgeblich so manches Stadtbild geprägt. Viele von ihnen existieren heute bereits nicht mehr, einige wenige warten noch auf Investoren, befinden sich im Umbau oder fristen als Spekulationsobjekt ihr Dasein.

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Von den Maschinen, die jahrzehntelang laut ratterten und heiser pfiffen und die Werke am Laufen hielten, ist bis auf Fundamente und wenige Fragmente meist nichts erhalten geblieben. Dächer stürzen ein, Treppen werden morsch. Was nicht gepflegt wird, verkommt.

Es ist schade um diese Zeugnisse der Vergangenheit, die mit ihren baulichen Ausprägungen ein wichtiger Teil unserer kulturellen Identität sind. Doch auch wenn von dem früheren Glanz heute nicht mehr viel zu spüren ist, so offenbaren sie dennoch ihre einstige Schönheit, die ihnen selbst der Verfall nicht zu nehmen vermag.

SINTERANLAGE. Die Anlage wurde 1957 nach zwei Jahren Bauzeit in Betrieb genommen. Errichtet wurde sie im Ruhrgebiet auf einem seit etwa 1910 zum Abkippen von Schlacke genutzten Gelände.

Um das Gelände für den Bau zu erschließen, mussten 500.000 Kubikmeter Hochofenschlacke abgebaggert werden. Weitere 75.000 Kubikmeter Boden wurden zur Hinterfüllung benötigt.

Für Fundamente, Bunker und Lager wurden 35.000 Tonnen Beton verbaut, 21.000 Quadratmeter Stahlbetondecken hergestellt, 11.700 Tonnen Stahl für Stahlkonstruktionen und Maschinen verbaut.

Hier wurden die Erze für die Hochöfen der Hüttenwerke Phoenix für den Prozess der Roheisengewinnung aufbereitet. Täglich wurden 4.000 Tonnen Sinter in drei Schichten abgesiebt. Eingestellt wurde der Sinterbetrieb 1983.

CHARBONNAGE DU HASARD DE CHERATTE. In der 1850 angelegten Zeche wurde bis 1977 Steinkohle gefördert. Nach einem Unfall im Jahre 1877 war sie 30 Jahre lang geschlossen. Nach Wiederaufnahme des Betriebes 1907 war sie mit ihren vier Schächten und bis zu tausend beschäftigten Bergleuten einst das wichtigste Unternehmen der Société anonyme des Charbonnages du Hasard.

Seit ihrer Stillegung steht ein Teil der Bauten unter Denkmalschutz und ist trotz des langen Leerstandes Uberraschend gut erhalten. Sogar Schuhe und Kleidung der letzten Schicht und auch einige Stempelkarten haben diese lange Zeit überdauert.

DACHBAUSTOFFHERSTELLER A.W. ANDERNACH. Die Firma zählte mit ihrer 115-jährigen Geschichte zu den Bonner Tradititionsunternehmen. Sie war prägend für die Entwicklung des Stadtbezirkes Beuel und beschäftigte als eines der ersten Unternehmen im Rheinland spanische Gastarbeiter.

Ab den 1990er Jahren wurde das Engagement zunehmend ins Ausland verlagert, Ende 2008 schlossen sich die Werkstore für immer.

ZEMENTWERK KALTENLEUTGEBEN. Auch dieses Werk, mit dessen Übernahme 1905 durch die Perlmooser AG sich deren wirtschaftlicher Focus von Tirol nach Niederösterreich verlagerte, kann auf eine hundertjährige Firmengeschichte zurückblicken. Nach der Schließung um die Jahrhundertwende rückten schließlich 2012 die Bagger an, um das ehemalige Werksgelände zur Errichtung von Wohnanlagen vorzubereiten.

LUNGENHEILSTÄTTEN BEELITZ. Die Gebäude wurden zwischen 1898 und 1930 errichtet. Sie bilden einen der größten Krankenhauskomplexe im Berliner Umland. Das zugehörige Heizkraftwerk, heute ein technisches Denkmal, wurde schon 1903 mit Kraft-Wärme-Kopplung betrieben.

In den beiden Weltkriegen fungierten die Heilstätten als Lazarett und Sanatorium für verwundete und erkrankte Soldaten. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs dienten die im Krieg teils schwer beschädigten Gebäude bis 1994 der sowjetischen Armee als größtes Militärhospital im Ausland.

Nur wenige Gebäude wurden seither saniert und genutzt. Nach Insolvenzen und Übernahmen ist die sehenswerte Anlage, die auch als Kulisse für zahlreiche Filmproduktionen diente, inzwischen größtenteils verfallen und vom Vandalismus stark beschädigt.

STEINZEUGFABRIK CREMER & BREUER. Gegründet wurde die Fabrik 1906 als Dachziegelfabrik. Mit der Umstellung der Produktion auf Tonröhren florierte sie, die Belegschaft verdreifachte sich binnen drei Jahren auf 100 Mitarbeiter, knapp 30 Jahre später waren es dann 200.

Mit dem ersten, selbst entwickelten Tunnelofen zur Herstellung von Steinzeugrohren für Kanäle betrat das Unternehmen 1951 Neuland – sehr erfolgreich, denn weitere Öfen folgten. Der 1966 in Betrieb genommene Tunnelofen 5 ist als einziger Bereich der Fabrik als Denkmal erhalten geblieben.

1987 wurden dort bei rund zwei Drittel Auslastung jährlich noch 70.000 Tonnen Steinzeugrohre produziert. Zehn Jahre danach mußte das Unternehmen wegen schlechter Marktlage geschlossen werden.

GÜTERABFERTIGUNG SAARBRÜCKEN. Mit dem EU-Binnenmarkt verlor die Güterabfertigung Saarbrücken ihre Existenzberechtigung. Die Uhr im stillgelegten Stellwerk steht symbolhaft für viele dieser bereits verschwundenen, geschichtsträchtigen Bauwerke: Sie verfallen, die Zeit steht dort still. Zumindest bis zum Abriss.