Bogenschütze vom Aphaia-Tempel in Ägina – FOTO: Rainer K. Wick

Zeichnerische Antikentransformation als subjektiver Aneignungs- und Umdeutungsprozess

Vergöttert

„Ständig eine neue Perspektive suchend, tanze ich beinahe um die Skulpturen herum,
versetze sie in unsere Zeit, gebe ihnen Gesichter, bringe sie in Bewegung.“

MASSSTAB KÜNSTLERISCHEN TUNS. Abgusssammlungen genießen keinen guten Ruf. Ihr bleicher Gips – Goethe nannte ihn „kreidenhaft und tot“ – wirkt auf nicht wenige Zeitgenossen abschreckend. Gleichwohl ist die Gipssammlung für die Archäologie zu Lehr- und Studienzwecken bis heute unentbehrlich. Denn sie vereint Kunstwerke, die im Original nicht verfügbar sind, und macht als „Musée Imaginaire“ (André Malraux) dennoch große geschichtliche Entwicklungen anschaulich nachvollziehbar.

ZEICHNUNGEN
Ruth Tauchert
Wiedemannstraße 46
D-53173 Bonn
www.ruth-tauchert.de

TEXT
Prof. Dr. phil. Rainer K. Wick
Tel. +49 (0)2227 / 8245 5
rainer_wick@yahoo.de

FOTOS: Jutta Schubert

Gipsabgüsse, die insbesondere in der Zeit des Klassizismus hoch geschätzt wurden, ermöglichen dem Fachmann wie dem Laien Einsichten, die andere Reproduktionsmedien wie Zeichnung, Stich und Foto nicht zu vermitteln vermögen. In der akademischen Künstlerausbildung gehörten vor allem im 19. Jahrhundert, aber auch noch im frühen 20. Jahrhundert, Studien nach Gipsabgüssen zum – vielfach verhassten – Pflichtpensum eines jeden Kunststudenten: Galt doch eine für ideal gehaltene Antike als Bezugspunkt und Maßstab allen künstlerischen Tuns.

Amor und Psyche - FOTO: Rainer K. Wick

Erst mit dem Siegeszug dessen, was inzwischen längst als „Klassische Moderne“ etabliert ist, verschwand das Zeichnen nach Abgüssen antiker Plastiken aus dem Kanon des Lehrbetriebs der Akademien. Damit verschwanden auch die Gipse selbst in den Depots – oder wurden sogar vernichtet. 

GESTISCH-SKRIPTURALER DUKTUS. Um so erstaunlicher, wenn sich in den Jahren 2014 und 2015 eine Künstlerin der mittleren Generation monatelang produktiv mit den Gipsen einer der umfangreichsten Abgusssammlungen Deutschlands auseinandersetzt. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung zeigte die Zeichnerin Ruth Tauchert im Spätsommer und Frühherbst 2015 am Ort ihres Schaffens, nämlich im Bonner Akademischen Kunstmuseum, der Antikensammlung des Archäologischen Instituts, gelegen am Hofgarten gegenüber dem Universitätshauptgebäude, dem einstigen kurfürstlichen Schloss.

An der anthroposophischen Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn zur Bildhauerin ausgebildet, ist das grundsätzliche Interesse der 1963 in Köln geborenen Künstlerin auch an griechischen und römischen Erscheinungsformen plastischen Gestaltens nicht sonderlich überraschend. Eher überrascht, wie sie sich den als kanonisch geltenden antiken Statuen nähert und wie sie mit ihnen umgeht: „Auch nach Monaten täglicher Arbeit betrete ich das Akademische Kunstmuseum immer noch mit einer gewissen Ehrfurcht. [...] Mit den Göttern per Du, begrüße ich sie inzwischen wie alte, lieb gewordene Freunde. Fast täglich verliebe ich mich in eine andere Skulptur, befasse mich eine Zeit lang mit ihr [...], bringe sie in eine neue, mir eigene Ordnung, um dann im scheinbar unerschöpflichen Fundus des Museums Neues zu entdecken. [Es] sind [...] Menschen, in Gips gegossen und unbeweglich. [...] Es sind Statuen, statisch wie der Name schon beinhaltet, also muss ich mich bewegen, ständig eine neue Perspektive suchend, tanze ich beinahe um die Skulpturen herum, versetze sie in unsere Zeit, gebe ihnen Gesichter, bringe sie in Bewegung.“ (Katalog) Hier mischen sich der Respekt vor der auratischen Ausstrahlung des Antikenmuseums, die Zuneigung zu den präsentierten Exponaten und das Bedürfnis, die erstarrte, zur statischen Form geronnene und in Gips gegossene Bewegung der Figuren zu verlebendigen.

Dem entspricht in Taucherts Zeichnungen ein spontaner, gestisch-skripturaler Duktus, eine im positiven Sinne nervige Handschrift. Mit größtem Tempo zeichnet die Künstlerin, deren bevorzugtes Sujet Menschen in raschen Bewegungen sind – tanzend, musizierend, reitend, fechtend, auf der Bühne agierend –, mehrere Ansichten einer und derselben Gipsfigur auf das Blatt, manchmal nebeneinander, manchmal sich überlagernd und durchdringend.

AUTONOMIEBESTREBUNGEN DER LINIE. Dasselbe gilt für jene Blätter, die verschiedene Figuren auf der Fläche vereinen, so dass oft eine dichtes, gelegentlich schwer entzifferbares Liniengeflecht entsteht. Die Linie emanzipiert sich vom Zwang zur exakten Wiedergabe des Wahrgenommenen, sie beginnt, autonom zu werden. Paul Klee sprach von der aktiven Linie, „die sich frei ergeht“ und gleichsam einen „Spaziergang um seiner selbst willen“ macht. Neben der befreiten Linie zeigen ein freier Umgang mit den Proportionen und Freiheiten im Physiognomischen, dass die Differenz zu jenen peniblen, trockenen Studienblättern nach Gipsabgüssen, die an den Kunstakademien früherer Zeiten Standard waren, nicht größer sein könnte.

Die zum Teil großformatigen Zeichnungen bleiben, wie sie vor Ort entstanden sind, nachträgliche Korrekturen finden nicht statt. Ähnlich wie bei Oskar Kokoschka, der sich seit den 1950er Jahren immer wieder in Gemälden, expressiven Farbstiftzeichnungen und Druckgrafiken mit dem antiken Erbe Griechenlands auseinandergesetzt hat, stellt sich auch bei Ruth Tauchert die künstlerische Antikenrezeption als entschiedene Antikentransformation dar, die zeichnerisch als höchst subjektiver Aneignungs- und Umdeutungsprozess erscheint. Zur Verlebendigung des „kreidehaften“ Gipses tragen sparsame Kolorierungen bei, die an die spätestens seit dem 19. Jahrhundert, seit Hittorff und Semper, bekannte, aber vielfach verdrängte Polychromie antiker Skulpturen erinnert, die in letzter Zeit von Vinzenz Brinkmann im Rahmen seines spektakulären Projekts „Bunte Götter“ eingehend erforscht worden ist.

Amor und Psyche I–IV (42 cm x 29,7 cm) – FOTOS: Jutta Schubert

Zweifellos resultiert der besondere Reiz der Zeichnungen von Ruth Tauchert aus der unmittelbaren, spannenden und oft spannungsvollen Korrespondenz mit den Objekten des Akademischen Kunstmuseums. Doch dürften sich die Arbeiten Taucherts unabhängig von der Möglichkeit des direkten Vergleichs mit den „Vorbildern“ auch nach dem Ende der Ausstellung als autonome Formulierungen einer eigenständigen Künstlerin behaupten.

sog. Ephebe Westmacott – FOTO: Rainer K. Wick
Schaber (Apoxyomenos) des Lysipp – FOTO: Rainer K. Wick