Neubau Haus 9,74 x 9,74 Weil der Stadt, Merklingen

Neubau Haus 9,74 x 9,74 Weil der Stadt, Merklingen

Die Quadratur des Hauses

Wenn Ästhetik sich mit der funktionalen Perfektion einer eierlegenden Wollmilchsau vereint

KLAR, EINFACH, KOMPAKT. Das am Ortsrand von Merklingen (Weil der Stadt) liegende Haus 9,74 x 9,74 besticht durch seine klare Form, seine einfache Typologie und seine kompakte Bauweise. Der monochrome, umbragrau und glatt verputzte Baukörper des Einfamilien-Hauses bildet mit der Dachterrasse einen dezenten Übergang zur Landschaft.

Die schlanken, nach außen öffnenden und bündig im Mauerwerk sitzenden Fenster und Türen vergrößern den Raum im Innern und präzisieren die kubische Form von außen. Die Reduktion im Detail dient dabei bewusst der Ästhetisierung des Hauses – und damit gleichsam des "Hausens".

f m b architekten
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200°-BLICK INS LANDSCHAFTS-SCHUTZGEBIET. Da nach Landesbauordnung nur ein Vollgeschoss auf dem Bauplatz erlaubt war, musste ein Viertel der Erdgeschossgrundfläche im Obergeschoss abgezogen werden. Die f m b architekten teilten den quadratischen Grundriss in vier gleiche Quadrate und ließen genau  eines davon im Obergeschoss weg. Im Ergebnis entstand eine Dachterrasse mit fantastischem Panorama zum unverbaubaren Landschafts-Schutzgebiet – und die Erweiterung der Kinderzimmer um einen geschützten Freibereich (die punktsymmetrische Organisation der Kinderzimmer und die gleichwertige Anbindung an die Terrasse mindert den "Geschwisterstreit").

Das Haus nimmt sich zurück und reagiert in seiner Ausrichtung wie ein schwarzer Guckkasten mit einem 200-Grad-Blick in die besonnte Landschaft. Das mittlerweile (wie zu erwarten) neu und unattraktiv bebaute Umfeld wird weitestgehend ausgeblendet.

WÄRMEDÄMMENDE HOCHLOCHZIEGEL. Aus Kostengründen beschränkt sich die Konstruktion des Hauses auf die streng im Mauerwerksmaß geplanten Außenwände aus 36,5 Zentimeter dicken, wärmedämmenden Hochlochziegeln (metrisches System vertikal und horizontal). Lediglich Teile der mittleren Flurwand im Erdgeschoss tragen im Innern. Alle restlichen Innenwände sind in Gipskarton-Ständerbauweise trocken ausgeführt.

Es mussten keine Steine gesägt werden. Aus einem Stein wurden beispielsweise durch diagonalen Schrägschnitt zwei nach innen geneigte Attikasteine.

WDVS-SYSTEM ÜBERFLÜSSIG. Die gedämmten Deckenrandstreifen der Ortbetondecken sind abgemauert. Dadurch wurde ein homogener Putzgrund erreicht.

Auf ein Wärmedämmverbundsystem wurde bewusst verzichtet. Die relativ dunkle Putzfarbe erforderte daher eine verhältnismäßig hohe Rohdichte des Steins, um thermisch bedingte Rissbildungen zu vermeiden.

ENERGETISCH OPTIMIERT. Das Haus wurde während der Entwurfsphase energetisch simuliert. Auf diese Weise konnte das optimale Verhältnis zwischen den verglasten und den geschlossenen Wandflächen festgelegt werden.

Größere, zusammenhängende Glasflächen kamen aus Kostengründen nicht in Frage. Daher wurden konsequent zwei stehende Fenstertürformate für Standardziegelstürze verwendet – nach Nord- und Südosten 101 Zentimeter breit, nach Süd- und Nordwesten 51 Zentimeter breit.

IDEAL AUSGERICHTET. Die Ausrichtung des Gebäudes zu den Himmelsrichtungen ermöglicht aus energetischer Sicht den Verzicht auf einen außenliegenden Sonnenschutz – bei gleichzeitiger Orientierung und Öffnung zum Landschaftsschutzgebiet. Lediglich fünf der Fenstertüren nach Südwesten mussten als Sonnenschutzglas ausgebildet werden. Einfache Isolierglasscheiben reichten aus energetischer Sicht aus, so dass auf teure Dreifachverglasungen verzichtet werden konnte.

Dennoch unterschreitet das mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe geheizte Gebäude die Anforderungen der EnEV 2009 um rund 15 Prozent. Der obligatorische Wärmetauscher mit Lüfter wurde in einer separaten Sichtbeton-Müllbox versteckt und mit einem unterirdisch verlegten Leerrohr auf kurzem Weg an den Technikraum angeschlossen. Bei dem schwierigen Baugrund musste aus Kostengründen auf einen Keller verzichtet werden.

FOTOS
Andreas-Th. Mayer
Mobil 0172 / 4197 919
mayer@fmb-architekten.de

SICHTBARE ORTBETONDECKEN. Die Decken wurden als sichtbar belassene Ortbetondecken mit einem auf die Raumgeometrie angepassten Schalbild und integrierten Lampenfassungen ausgeführt. Alle Fenstertüren sind 2,26 Meter hoch, und in den Stürzen sind zusätzlich Stableuchten montiert, die unterschiedliche Lichtstimmungen ermöglichen und auch nach außen die Freibereiche belichten, so dass Außenwandleuchten entfallen konnten.

EICHENTÜREN PLUS TAPETENTÜREN. Raumhohe Eichentüren mit filigranen Stockzargen und Oberlichtern trennen die Haupträume von den Nebenräumen und lassen die kleinen Räume "fließen" und groß wirken.

Eingestellte und mit den raumhohen Einbauschrankzonen als "Raumkörper" lesbare "Nebenraumboxen" (Treppe, Bäder und Technik) erhalten dagegen weiße "Tapetentüren".

KOMPLETT FÜR 385.000 €. Es sollte ein dem Ort angemessenes, die individuellen Bedürfnisse des Bauherren befriedigendes, aber dennoch universell gedachtes, typologisch einfaches, präzises und bezahlbares Haus für eine junge Familie mit zwei Kindern und einem Universalzimmer entstehen.  Dabei sollte ein Elternteil bei Bedarf häuslich gepflegt werden können und ein drittes Kind nicht gleich den Auszug bedeuten …

Kurzum: Der Bauherr wünschte die "Eierlegende Wollmilchsau" für 300.000 Euro brutto inklusive Honorare. Der Architekt wollte nur, wenn er auch noch Architektur machen darf: 300.000 Euro dann aber ohne Einbaumöbel, Freiflächen und Garage! Die kamen erst später – im zweiten Bauabschnitt –, da der Architekt mit dem knappen Budget erst beweisen musste, dass das überhaupt geht, was er tat. Deshalb konnten für brutto ca. 385.000 Euro Gesamtbaukosten auch noch Einbaumöbel mit Küche, die Sichtbeton-Garage und die nötigsten Freiflächen finanziert und realisiert werden.