Bauprojekt Zollverein Park Essen
FOTO: Claudia Dreyße, Dortmund

Bauprojekt Zollverein Park Essen

Akzentuierung und Erschließung einer vergessenen Landschaft – so prächtig und auch so fremd

Die Freianlagen des UNESCO Welterbes Zollverein als Teil des Strukturwandels im Ruhrgebiet

INMITTEN INDUSTRIELLER RELIKTE. Es gibt Landschaften, die hat man vergessen. Sie sind liegengeblieben, niemand kümmert sich um sie. Zu finden sind sie überall, auf dem Land und in den Städten. Es sind vergessene Niemandsländer. Das Leben der Tiere und Pflanzen bleibt hier im Verborgenen. Menschen sind selten anzutreffen – vielleicht ein paar skurrile Insider, die diese verlorenen Landschaften wie ungehobene Schätze betrachten.

Das Areal der Absetzbecken der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen ist solch eine Landschaft: abseits, schwer erreichbar, eingemauert und mit Zäunen gesichert. Für den Insider ist es ein Park, ein vielgestaltiger Freiraum im unmittelbaren Umfeld eines außergewöhnlichen Industriedenkmals – mit lichten Wäldern, dunklen Gebüschen, Wasserflächen und offenen, weiten Räumen, die den Blick aus den beschatteten Wegen freigeben.

Der Park ist im Laufe weniger Jahre inmitten von industriellen Relikten entstanden, fast von allein. Zugegeben: Baggerfahrer haben Kohleschlammbecken ausgehoben, Böschungen planiert und Halden aufgekippt; Rohrleitungen wurden verlegt, Stahlgittermasten montiert, Kühltürme errichtet und Schlote empor gemauert, Bahndämme geschüttet und Gleise verlegt. Landschaftsarchitekten und Gärtnerkolonnen waren nicht dabei. Trotzdem – oder deshalb? – ist alles so prächtig und auch so fremd.

WEGE UND SKULPTUREN. So war die Sicht der Planergruppe Oberhausen auf den Zollverein Park Essen gewesen, als es ihn noch gar nicht gab, als man aber begann, den Schatz zu heben. Der Park wurde zugänglich gemacht. Auf schmalen Wegen konnte man ihn nun erlaufen.

Vertraute Elemente – Brücken, Treppen, Wege – führten jetzt zu einigen Skulpturen, erschlossen die neue Landschaft. Ulrich Rückriem hat archaische Granitskulpturen in besonderen Situationen platziert. Hinweise auf spannungsreiche Landschaftsbilder. Das Niemandsland durfte betreten werden, seine Besucher machten es zum Park.

In der Folge dieser ersten Interventionen nahm das Areal der Zeche und Kokerei Zollverein eine rasante Entwicklung. Hallen wurden saniert, neue Nutzer zogen ein, Masterpläne wurden erdacht, Ideen entwickelt, Gelder bereitgestellt. Zollverein wurde UNESCO Welterbe und Symbol für den erfolgreichen Strukturwandel im Ruhrgebiet.

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SPONTANE VEGETATION. Das Konzept, mit dem die Planergruppe Oberhausen 2005 den Realisierungswettbewerb für den Zollverein Park Essen gewonnen hatte, verknüpft zwei Sichtweisen auf die Aufgabe: die vorsichtige Akzentuierung der vorhandenen Eigenheiten und Qualitäten einer vergessenen Landschaft sowie die notwendige Bereitstellung neuer, vielgestaltiger und robuster Infrastrukturen für die aktuellen und die zukünftigen Aktivitäten. Der Umgang der Planergruppe mit dem Zollverein Park basiert auf einigen Grundsätzen: Respektvolle Betonung des architektonischen Ensembles, Zurückhaltung in der Landschaftsarchitektur sowie Sichtbar- und Erlebbarmachung der Transformation des Industrieareals zum touristischen Highlight.

Der Zollverein Park erhält sein Alleinstellungsmerkmal durch das kontrastreiche Spiel zwischen den klaren, einfachen Formen und Strukturen der Industriearchitektur und der Vielfalt der spontanen Vegetation. Die Form und das äußere Erscheinungsbild des Parks werden durch eine planvolle und kontinuierliche Pflege entwickelt.

ENTWICKLUNG DURCH PFLEGE. Das langfristig angelegte Konzept „Entwicklung durch Pflege“ geht einher mit der schrittweisen Realisierung der Bausteine des Parks. So entsteht über einen vergleichsweise langen Zeitraum ein Park, der aus der verbotenen Zone einen aneignungsbereiten Ort formuliert.

Es geht nicht darum, eine museale Industrielandschaft festzuschreiben. Vielmehr wird aus den vorhandenen Elementen und Strukturen ein Landschaftsraum komponiert, der die historischen und aktuellen Entwicklungen und Zeichen bewusst und glaubwürdig einbezieht. Für derzeitige und zukünftige Nutzungen wird eine pragmatische und vielschichtig interpretierbare Oberfläche bereitgestellt.

PFÖRTNER BIETEN ORIENTIERUNG. Die Maschine Zollverein, einst konzipiert zur Förderung der Kohle und zur Produktion von Koks, optimiert für Effizienz und Profit, ist heute ein Ort der Kultur und der Dienstleistung – umgenutzt zu Ateliers, Museen, Cafés und Büros, für Erholung, Bildung und Genuss. Für die neuen Nutzer ist es nicht leicht, sich in der Logik der Maschine zurechtzufinden.

AUSGEWÄHLTE, AN DIESEM BAUPROJEKT
BETEILIGTE FIRMEN:


ENTWÄSSERUNGSRINNEN
AN DER RINGPROMENADE
ACO Tiefbau Vertrieb GmbH

Das Orientierungssystem, das die Planergruppe Oberhausen gemeinsam mit F1rstdesign und Observatorium für den Zollverein Park Essen entwickelt hat, gründet auf dem Menschen als wichtigstem Element. An den Eingängen heißen heute „Pförtner“ die Gäste willkommen. Sie wissen alles über Zollverein und helfen bei der Orientierung. Diese einfache Geste erleichtert das Ankommen und bietet jedem Besucher individuelle Informationen im persönlichen Gespräch.

KLEINE PAVILLONS. Die Pförtner „wohnen“ in neuen Pavillons an den Ankunftsorten im Park. Alle sechs Pavillons sind ähnlich und doch sehr unterschiedlich.

Aus den wiederkehrenden Materialien und Elementen wurden von den Künstlern von Observatorium je nach Ort und konkreter Nutzungsanforderung unterschiedliche Ensembles entwickelt. Die Pavillons trotzen dem produktionstechnisch, ästhetisch und ökologisch exakt durchorganisierten Zollverein Park kleine, besondere Orte ab. Sie definieren sie als Orte der Ankunft, Ruhe, Besinnung und Orientierung und bringen das menschliche Maß in die monumentale Umgebung. Der auffällig gestaltete Beton ruft Irritationen hervor, die stählernen Elemente erscheinen filigran und doch robust, die hölzernen Vitrinen erzeugen Wohnlichkeit, die steil aufragende Aussichtstreppe ermöglicht einen neuen Überblick.

VERBINDENDE RINGPROMENADE. Im Masterplan für den Zollverein Park beschreibt das Büro Agence Ter ein neues Element für die Industrielandschaft Zollverein: die Ringpromenade. Gut vier Kilometer lang verläuft sie einmal rund um das Gelände und verknüpft die vier Teilareale Schacht 1/2/8, Schacht XII, Kokerei und Skulpturenwald zu einer Einheit.

Von den Eingängen des Zollverein Parks gelangt der Besucher immer auf die Ringpromenade. Folgt er ihrem Verlauf, hat er in einer knappen Stunde das Gelände umrundet und sich einen ersten Überblick verschafft.

Die Ringpromenade verläuft in etwa auf der Grenze zwischen dem Kern des Welterbes Zollverein und den umliegenden Waldflächen, Parkplätzen, Siedlungen und Entwicklungsräumen. So hilft die Promenade nicht nur bei der Orientierung im heutigen Park, sie trägt auch zur Vermittlung der räumlichen Zusammenhänge des Industriedenkmals bei.

WIESENBÄNDER UND INDUSTRIEWALD. Im Realisierungswettbewerb für den Zollverein Park entwickelte die Planergruppe Oberhausen für die Idee der Ringpromenade eine konkrete Gestalt und legte die exakte Route fest. Die Ringpromenade hat ein Gesamtprofil von zehn Metern. Breite Wiesenbänder halten den Industriewald auf Abstand und flankieren zwei nebeneinanderliegende Wege.

Zwischen den Wegen verläuft ein Stahlband mit rot strahlenden LED-Leuchten. So bietet die Promenade auch bei Dunkelheit weithin sichtbar Orientierung. Auf den breiten Wegen mit ihren unterschiedlichen Oberflächen ist ausreichend Raum für Spaziergänger, Flaneure, Jogger und Walker, Radfahrer und Rollstühle, Kinder, Senioren und Familien.

EHEMALIGE GLEISANLAGE. Die drei Areale Schacht 1/2/8, Schacht XII und Kokerei liegen inselartig in einem dichten Saum aus Industriewald. Eine harfenförmige Gleisanlage verbindet die Inseln miteinander. Zu Betriebszeiten war diese Gleisanlage – neben den Transportbändern in den unzähligen Bandbrücken – das infrastrukturelle Rückgrat des Standorts.

Heute bewegen sich keine Züge mehr im Zollverein Park Essen, dafür deutlich mehr Menschen. Sie arbeiten oder erholen sich, durchqueren den Park auf dem Weg zur Schule oder besuchen die Museen und Veranstaltungen.

HEUTIGER GLEISBOULEVARD. Im Masterplan für die Gestaltung der Industrielandschaft Zollverein wurde der Begriff des Gleisboulevards eingeführt. Die Schienenstränge – selbstverständlich ein Teil des unter Denkmalschutz stehenden Gesamtensembles – dienen weiterhin als Rückgrat des Erschließungssystems. Die baulichen Strukturen wurden in einen Boulevard übertragen, dessen rhythmisches Muster die Benutzung, das Erleben und die Inbesitznahme des Parks ermöglicht.

Die Ausgestaltung des Gleisboulevards ist einfach und robust. Die Hauptelemente sind die zu Wegen ausgebauten Gleisstränge und die dazwischen gedeihende Industrienatur. Die Planergruppe Oberhausen hat den Boulevard in vier Bereiche gegliedert, in denen diese Elemente je nach Umfeld und Gebrauch unterschiedlich interpretiert und kombiniert werden. Ein Garten im Süden, gezähmte Wildnis an der Kohlenwäsche, ein großzügiger Platz am Gebäudeensemble von Schacht XII und der lichte Birkenhain im Norden bilden das simple Gerüst für einen vielgestaltigen Park.

AUSSICHTSPLATTFORM BRÜCKE 4. Die Brücke 4 – ein Schüttbauwerk an der Grenze zwischen Zeche und Kokerei – liegt auf dem höchsten Punkt eines Gleisdamms. Gemeinsam mit dem Wiegeturm markiert sie den Mittelpunkt des Zollverein Parks Essen.

Von der neuen Aussichtsplattform auf der sanierten Brücke aus sind die nahen Gebäude von Schacht 1/2/8 und das Fördergerüst von Schacht XII durch den lichten Birkenhain zu sehen. In westlicher Richtung breitet sich das Panorama der Kokerei aus.

Die Plattform nimmt die rechteckige Geometrie der Brücke auf und ist aus einfachen Stahlprofilen gefügt. Alle Flächen bestehen aus Gitterrosten – robuste und zugleich transparente Oberflächen, die die ursprüngliche Kubatur nicht verdecken. Der breite Handlauf auf den Brüstungen akzentuiert die Geometrie.

KOKEREIEINGANG WIEGETURM. Das direkte Gegenüber der Brücke 4 ist der Wiegeturm. Er steht am tiefsten Punkt des Geländes, als Knotenpunkt im Bandbrückensystem zwischen Schacht XII und der Mischanlage der Kokerei. Er dient heute als Eingang für Ausstellungen und Veranstaltungen in der Kokerei, von dort aus bringt die Standseilbahn die Besucher durch die Bandbrücke ins oberste Stockwerk der Mischanlage.

Zwischenzeitlich stand der Wiegeturm unter Wasser. Die notwendigen Dichtungswände wurden zur Erhaltung der Proportionen des Gebäudes so weit wie möglich abgerückt.

Über eine breite Treppe sowie barrierefrei über eine Rampe erreicht der Besucher den Eingang im Erdgeschoss. Die neuen Mauern sind aus rohem Sichtbeton gebaut und deutlich vom Bestand getrennt.

Die Platzflächen um den Wiegeturm bündeln die hier ankommenden Wege. Sie bilden eine klar begrenzte Lichtung im rundherum aufwachsenden Industriewald.

ETABLIERTE PROVISORIEN. Das Umfeld der Mischanlage der Kokerei war lange durch eine Reihe von Provisorien geprägt gewesen. In den vergangenen 15 Jahren waren sie nach und nach errichtet worden, um das Gebäudeensemble neuen Nutzungen zuzuführen.

Schon 1999 war der Wasserspiegel auf der Maschinenbahn entlang der Koksofenbatterie installiert worden. Später kam das Werksschwimmbad der Künstler Daniel Milohnic und Dirk Paschke hinzu. Die Gastronomie nutzte Teile der Außenflächen für Kühlwagen und Lagercontainer. Ein Sandplatz sollte Kinder zum Spielen anregen.

FOTO: Claudia Dreyße, Dortmund

KLAR ZONIERTE ANGEBOTE. Der über 7.000 Quadratmeter große Wasserspiegel vor den Koksöfen wurde 2012 neu abgedichtet. Die Fläche ist nun mit robustem Gussasphalt versehen, der den winterlichen Eisbahnbetrieb deutlich vereinfacht und auch andere Nutzungen auf der Fläche ermöglicht.

Auch das baufällig gewordene Werksschwimmbad konnte behutsam saniert werden. Damit ist der sommerliche Badebetrieb für die nächsten Jahre gesichert.

Das direkte Umfeld der Mischanlage bietet heute klar zonierte Angebote für alle Nutzer. Die Anlieferung zur Küche der Gastronomie wurde am südlichen Rand neu organisiert und deutlich reduziert. Der Sandplatz wurde durch einen komfortablen Rasen-Bolzplatz ersetzt, auf dem vier Eichen die Tore markieren. Eine dreißig Meter lange Bank trennt die Zufahrt vom Spielbereich. Zusammen mit den nördlich gelegenen weiteren Spielangeboten und den großen Sonnendecks auf dem Löschwagengleis ist ein weitläufiges Spiel- und Aufenthaltsangebot für Kinder und Jugendliche entstanden.

FOTO: Thomas Mayer, Neuss