Bauprojekt VinziRast-mittendrin Wien
FOTO: Sebastian Schubert - www.sebastianschubert.at

Bauprojekt VinziRast-mittendrin Wien

Gemeinschaftsgebäude für obdachlose Menschen und Studierende

Pilotprojekt zur Inklusion Obdachloser

MITTEN IN DER STADT. Im Jahr 2009 wurde das Wiener Audimax von Studierenden besetzt. Obdachlose Menschen wurden ebenfalls eingelassen. Es kam zu Konflikten. Dann begann man, gemeinsam zu kochen, zu diskutieren, Flyer für die nächste Demo zu kopieren und so weiter.

Am Ende der Protestbewegung war einigen Studierenden klar: Ein Miteinander ist für alle von Vorteil. Auf Basis dieser Erfahrung initiierten, entwickelten und realisierten sie gemeinsam mit dem Verein Vinzensgemeinschaft St. Stephan und gaupenraub+/– das vorliegende Projekt: ein Haus zum gemeinsamen Lernen, Arbeiten und Wohnen mitten in der Stadt und offen für alle.

Während Prag im Jahr 2010 kurz vor der Umsetzung eines Obdachlosen-Ghettos neben einer Müllverbrennungsanlage am Stadtrand stand, um die Touristenzentren „obdachlosenfrei“ zu bekommen, wurde in Wien ein Projekt konzipiert, das Obdachlosigkeit dort begegnet, wo sie entsteht – mitten in der Gesellschaft, mitten in der Stadt. Dank maximal offensiver Kommunikation mit der Nachbarschaft, der örtlichen Bezirkspolitik und potentiellen Unterstützern wurde VinziRast-mittendrin ohne Widerstände in nur drei Jahren Realität.

Das umgebaute Biedermaierhaus befindet sich nah am Stadtzentrum. Es ragt weit in den Straßenraum hinein. Als vorspringendes Eckhaus an einer der Haupteinfallstraßen Wiens ist seine stadträumliche Präsenz ideal für den beabsichtigten gesellschaftspolitischen Hinweis: Obdachlosigkeit ist kein Problem, das versteckt werden muss!

FOTO: Sebastian Schubert - www.sebastianschubert.at

ÖFFENTLICHE UND PRIVATE BEREICHE. Die Hälfte der 1.500 Quadratmeter Gesamtnutzfläche sind öffentlichen oder halböffentlichen Funktionen gewidmet: Ein Lokal mit Gastgarten im Erdgeschoss ist die Vermittlerin zwischen dem Gebäude und seiner Umgebung – es gibt keinen Konsumzwang, Obdachlose Menschen sind genauso gerne gesehen wie Nachbarn und der „Rest“ der Stadt. Eingänge, Fenster, Sitznischen etc. sind so oganisiert und gestaltet, dass ein maximal schwellenloses Außen-zu-Innen-Verhältnis möglich ist.

Daneben gibt es Werkstätten für das gemeinsame Arbeiten und Basteln, bei dem ebenfalls Nachbarn oder andere Stadtbewohner willkommen sind. Es gibt im Untergeschoss einen Veranstaltungsraum, in den Stockwerken darüber Studier- und Beratungsräume sowie ein neues Dachatelier mit Dachgarten, dessen Nutzungsmöglichkeiten vielfältig sind und der von Vielen genutzt werden kann.

gaupenraub +/–
Hackinger Kai 1u+2u
A-1130 Wien
Tel. +43 (0)1 / 522 50 50
Fax +43 (0)1 / 879 50 10
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Die Energieversorgung erfolgt über Fernwärme. Der Dachgarten wird mit Regenwasser versorgt.

ALTE UND NEUE MATERIALIEN. Sämtliche brauchbaren Bauteile und -materialien wurden während des Umbaus erhalten (Kastenfenster, Füllungstüren …) oder an anderer Stelle wiederverwendet (die alten Dachbodenziegel bilden heute die Fußböden der Werkstätten, die alten Dachsparren sind zur Bartheke und vier Werkbänken umfunktioniert ...). Das Lokal wurde mit rund 10.000 Brettchen von alten Obst- und Gemüsekisten ausgekleidet, was obdachlosen Menschen über viele Monate Beschäftigung gegeben hat.

Bei allen neuen Materialien wurden massive Baustoffe bevorzugt: Lärchenvollholz für die Dachterrasse des Dachgartens sowie Eichenparkett für die Wohnräume, in denen die Böden nicht erhalten werden konnten, bzw. für das neue Dachgeschoss. Darüber hinaus musste man sich nach den vielen Materialspenden richten.

FOTO: Kurt Kuball - www.kurtkuball.com

Die andere Hälfte der Nutzfläche stellt dreißig Einzelzimmer in zehn Wohngemeinschaften auf drei Stockwerken zur Miete bereit. Sie sind zur Hälfte von obdachlosen Menschen und zur Hälfte von Studierenden belegt. Die WGs sind gemischt und verfügen über eine Teeküche. Darüber hinaus gibt es pro Stockwerk eine große Gemeinschaftsküche mit Gemeinschaftswohnzimmer und vorgelagertem Außenraum auf einer dort verbreiterten Laubengang-Erschließung sowie am Dach einen Dachgarten.

KREDITE SOWIE MATERIAL- UND ARBEITSSPENDEN. Das ursprüngliche Gebäude wurde von Hans-Peter Haselsteiner erworben und dem Verein geschenkt. Die Sanierungs- und Umbau- bzw. Erweiterungsarbeiten wurden zum Großteil über Kredite finanziert und ansonsten über Spenden, vor allem über Material- und Arbeitsspenden aus der Bauwirtschaft. Viele ehrenamtliche sowie obdachlose Menschen haben über mehr als ein Jahr unter Anleitung von gaupenraub+/– mitgearbeitet. Da das Projekt eigene Wege geht, konnten außer der regulären Wohnbauförderung keine öffentlichen Mittel in Anspruch genommen werden.

EINE BOTSCHAFT FÜR DIVERSITÄT. Alles war einem starken und klaren Konzept untergeordnet: die Farben Grau und Beige, die Materialien Zink, Holz und Beton, die rohbau-rauen und/oder maximal glatten Oberflächen sowie der Grundsatz „Sanierung statt Restaurierung“. Denn klar war, dass die Vielfalt der Materialspenden (beispielsweise alle Möbel) die potentielle Kraft haben würden, die Architektur in Richtung „Caritas-Lager“ zu lenken.

Gerade aber die Architektur sollte alle Menschen – nicht nur die sozial engagierten – dazu einladen, gerne an diesem Projekt teilzunehmen. An einem durchschnittlich gut belegten Tag waren das bis zu 300 Personen. VinziRast-mittendrin gibt nun dreißig Personen ein Zuhause, so lange sie dort leben wollen, und sieht sich vor allem auch als Botschafterin gegen Monokulturen und für Diversität innerhalb der Stadt und der Gesellschaft.

FOTO: Christoph Glanzl