Erweiterung Siedlungshaus am nördlichen Stadtrand von Aachen

Erweiterung Siedlungshaus am nördlichen Stadtrand von Aachen

1 + 1 = 1

Die Verzahnung des Anbaus aus Bims-Leichtbeton-Mauerstein
mit der Klinkerfassade des Bestandsgebäudes
macht die Geschichte des Objekts ablesbar

2-GESCHOSSIGER ANBAU. Am nördlichen Stadtrand von Aachen gelegen ist das kleine Siedlungshaus aus den 1920er Jahren mit großem Garten, das die Bauherren erworben hatten. Für den Raumbedarf der neuen Eigentümerfamilie mit drei Kindern wurde das Haus mit nur siebzig Quadratmetern Nutzfläche um einen zweigeschossigen Anbau und damit um fünfzig Quadratmeter Fläche erweitert.

Amunt Architekten
Martenson und Nagel Theissen

www.amunt.info

Björn Martenson
Schervierstraße 66
D-52066 Aachen
Tel. +49 (0)241 / 9971 57-4
Fax +49 (0)241 / 9971 57-6
email@amunt.info

Sonja Nagel & Jan Theissen
Wilhelmstraße 3
D-70372 Stuttgart
Tel. +49 (0)711 / 8496 3-41
Fax +49 (0)711 / 8496 3-31
email@amunt.info

KLINKER-AUSSENWAND ALS INNENWAND. Die östliche Außenwand des Haupthauses aus rotem Klinkerstein wurde gereinigt und dominiert nun als Innenwand den Raumcharakter des „Gartenzimmers“. Kontrastiert wird die Rauhigkeit des Klinkers mit dem feinen, weiß gelaugten Dielenboden.

OCHSENBLUTROTE TREPPE. Die Raumerweiterung des Hauses zum Garten hin, die Öffnung des Treppenhauses in das Obergeschoss und die neue Wandvertäfelung der Treppe mit integriertem Handlauf hat die Rolle der alten Holztreppe gewandelt. Sie ist nun mit ihrer ochsenblutroten Farbe das prägnante Element des Entrees, das als zentraler Raum Alt- und Neubau, Erd- und Obergeschoss großzügig miteinander verbindet.

Der vorgefundene rot-weiße Fliesenboden des Eingangs liegt nun wie ein Teppich mitten im Haus. Folgt man der Treppe und dem Licht in das Obergeschoss, so gelangt man in den privaten Wohnbereich.

Das Bestandsgebäude ist in einfacher Bauweise als Mauerwerksbau mit einer Klinkerfassade ausgeführt. Während der entwurfsphase stellte sich die Frage: Wie weiterbauen? Die Lösung: Ein Anbau und das zum Teil neue Dach entwickeln die vorgefundene schlichte Gebäudestruktur zu einem großzügigen, offenen und kompakten Wohnhaus, das die Einfachheit der vorhandenen Materialien mit zeitgenössischen Mitteln fortführt.

VERGLASTES BETONSKELETT. Im Erdgeschoss des Anbaus fließen Haupthaus und Garten ineinander. Dort ist ein Hauptwohnraum in der Art eines „Gartenzimmers“ entstanden, der Küche und Essbereich beherbergt und durch die Materialverwendung atmosphärisch zwischen Innen und Außen vermittelt: Das offene Betonskelett ist großflächig verglast und gibt den Blick auf Garten und Umgebung frei.

Die Fensterrahmen und die neue Tür aus Aluminium schreiben in der Wahl ihres Materials die in den 1960er Jahren erneuerten Fenster fort. Auf einen Austausch dieser Fenster wurde bewusst verzichtet, da das Haus durch die Aluminiumfenster in der Klinkerfassade einen eigenen Charakter hat, den man erhalten wollte. Des Weiteren waren die Bestandsfenster in gutem Zustand, und im Sinne des nachhaltigen Wirtschaftens konnte man die Bauherren davon überzeugen, das knappe Budget in wichtigere raumbildende Maßnahmen zu investieren.

AKTIVIERUNG DES RAUMS. Vier Schlafzimmer mit jeweils eigenem Charakter bieten Raum für zwei Erwachsene und drei Kinder. Das neue, innenliegende Bad wird über einen Lichtschacht natürlich belichtet. Durch geschickte Überlagerung dient die Decke des Badezimmers als Schlafempore des angrenzenden Kinderzimmers im Bestandsgebäude.

Im Obergeschoss des neuen Anbaus sind zwei Zimmer für die beiden Söhne der Familie entstanden. Weiterer Raum wurde im Dachspitz des Altbaus aktiviert, der vom Flur über eine Leiter erreichbar ist und Raum für Übernachtungsgäste, Rückzug oder Lager bietet.

GEGEN DEN MAINSTREAM. Die dunkelrote Klinkerfassade des Bestandsgebäudes verzahnt sich mit dem Anbau aus unverputztem Bims-Leichtbeton-Mauerstein, der das vorhandene Material zeitgemäß interpretiert und sich farblich mit dem Bestand zu einem neuen, kompakten Baukörper verbindet. Der Anbau berücksichtigt die Tatsache, dass es sich bei dem gesamten Baukörper um ein Doppelhaus handelt. Die beiden Hälften verbinden sich durch die gewählte Dachform auch auf der Gartenseite wieder zu einer Einheit: 1 + 1 = 1

Bei Gebäuden verhält sich der Entstehungsprozess in seiner Erscheinung spiegelbildlich zum Prozess des Vergehens bzw. Abbaus. Wie auch die Patina dokumentiert der Zustand des „Vor-Fertigen“ die Geschichte des Objekts und macht sie ablesbar.

FOTOS
Filip Dujardin
info@filipdujardin.be

SPRENGUNG VON BLICKMUSTERN. In dem Projekt des Siedlungshauses betonen die sichtbar belassenen, rauen Materialien die Oberflächen und schaffen – ähnlich der Patina, die im Laufe der Jahre auf Oberflächen und Objekten entsteht – eine lebendige Struktur. Den Oberflächen wird dadurch das harte „Neue“ genommen und mehr Plastizität und Lebendigkeit verliehen.

Die Architektur will nicht auf eine stromlinienförmige Verdichtung hinaus, sondern auf das Besondere, das Wahrnehmungsräume aufbricht, vertraute Blickmuster sprengt und den rauen, spröden Charme der ehemaligen Arbeitersiedlung fortführt. Die Erscheinung stellt sich sichtbar gegen den Mainstream des allzu Glatten und Perfekten. Die beengten Raumverhältnisse haben sich in Weite und Leichtigkeit als zeitgemäßes Wohngefühl gewandelt.