Bauprojekt Schloss Grimma
FOTOS: Steffen Spitzner, Gera

Bauprojekt Schloss Grimma:

Filigrane Ganzglaskonstruktionen ergänzen
das historische Ensemble.

Umbau und Sanierung eines der bedeutendsten Profan-Denkmäler Sachsens.

INNOVATIVES KONZEPT. Im Zuge des Umbaus und der Sanierung des Schlosses Grimma wurde ein gleichermaßen architektonisch wie bautechnisch innovatives Konzept umgesetzt. Mit dem Ziel, das denkmalgeschützte Ensemble erlebbar zu machen, wurden drei neue Baukörper als filigrane Ganzglaskonstruktionen in die historische Schlossanlage eingefügt: ein Treppenturm, ein Eingangsbereich und ein Verbindungsgang.

Der lichtdurchflutete Eingangsbereich verknüpft die historischen Gebäude Kornhaus, Kornhausanbau und Schloss durch den gläsernen Verbindungsgang. So treffen heute moderne Ergänzungsbauten als geklebte Ganzglaskonstruktionen auf historische Gebäudeteile.

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FOTO: Steffen Spitzner, Gera

EIN HORT DES RECHTS. In die neuen Räumlichkeiten des Schlosses Grimma – eines der bedeutendsten Profan-Denkmäler Sachsens – auf mehr als 2.400 Quadratmetern Fläche im nördlichen Teil der Innenstadt, direkt am Muldenufer bei der Pöppelmannbrücke, sind nun das Amtsgericht Grimma und die Zweigstelle der Staatsanwaltschaft Leipzig eingezogen. Die Baumaßnahmen an dem Schlosskomplex aus dem 13. Jahrhundert umfassten neben den Arbeiten an den denkmalgeschützten Altbauten Kornhaus, Kornhausanbau, Turmruine und Schlossgebäude mit Wendelstein sowie der Erstellung der modernen Ergänzungsbauten auch die Gestaltung der Außenanlagen.

In der Schlossanlage fanden Büroräume, Sitzungssäle, drei Archive, zwei Asservatenkammern und eine Bibliothek Platz. Die Planungen wurden mit Baukosten von rund 14,5 Millionen Euro wirkungsvoll umgesetzt.

Durch die Umbau- und Sanierungsmaßnahmen konnten der wertvolle Altbestand des Schlosskomplexes gesichert und gleichzeitig moderne Räumlichkeiten für die Verwaltung geschaffen werden. Das Lichtensteiner Architektur- und Ingenieurbüro, die Bauconzept® Planungsgesellschaft, übernahm dabei sowohl die Architektur als auch die Bauleitung, die Tragwerksplanung, den Brandschutz und die Planung der Freianlagen.

IM WANDEL DER JAHRHUNDERTE. Vom 13. bis ins 16. Jahrhundert hatte die Anlage an der Mulde den sächsischen Markgrafen und den späteren Kurfürsten als Schloss und Sommerresidenz gedient. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts war das Schloss im Wandel Zeit oft umfunktioniert worden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte eine Textilfabrik im Kornhaus Einzug gehalten, später waren Exerzierböden für Soldaten entstanden. Und bereits Mitte des selbigen Jahrhunderts hatten die umfangreichen Umbaumaßnahmen der gesamten Schlossanlage zum Amtsgericht begonnen.

Heute setzt sich die Anlage aus mehreren Baukörpern zusammen. An der Muldenseite steht der Ostflügel, das eigentliche Schloss, dessen Mauern die ältesten Gebäudeteile beinhalten.

Gegenüber befindet sich das Kornhaus, das gemeinsam mit der Turmruine und dem Kornhausanbau den historischen (spätes 14. Jahrhundert) westlichen Trakt bildet. Schildmauern verbinden die Gebäude und begrenzen den Schlosshof.

FOTO: Steffen Spitzner, Gera

AUSGEWÄHLTE, AN DIESEM BAUPROJEKT
BETEILIGTE FIRMEN:

NATURSTEINARBEITEN FASSADE
Susan TAUSCHER NATURSTEIN GmbH

FUNKTIONALE EINHEIT. Um das denkmalgeschützte Ensemble mit seinen Raumbezügen erlebbar zu erhalten, sind drei neue Baukörper als filigrane Ganzglaskonstruktionen in die Schlossanlage eingefügt worden. Sie erweitern die Anlage mit dem Ziel, Kornhaus und Schloss zu einer funktionalen Einheit zu verbinden, einen barrierefreien Zugang in beide Gebäude zu ermöglichen und Fluchtwege für den Brandfall zu gewährleisten.

Der neue, denkmalgerechte Eingangsbereich mit Poststelle sowie der Sozialraum, der Erste-Hilfe-Raum und die Bibliothek sind zur gemeinsamen Nutzung beider Behörden bestimmt. Zur effizienten gebäudeübergreifenden Nutzung verknüpfen dieser zentrale Bereich und der Verbindungsgang beide Gebäudekomplexe miteinander. Für die gläsernen Ergänzungsbauten entwickelten die Architekten der Bauconzept® Planungsgesellschaft ein sensibles Gesamtkonzept, bei dem Alt und Neu eindeutig unterschieden werden.

TRANSPARENZ UND KÖRPERHAFTIGKEIT. Bestandteil des Erweiterungsneubaus ist auch die als zweiter Fluchtweg erforderliche Treppe am Giebel des Kornhauses sowie ein Aufzug für den Personen- und Aktentransport. Die transparente Gestaltung des Treppenhauses mit einer vollflächigen Verglasung ist die moderne Ergänzung des 21. Jahrhunderts im Kontext des Bestands. Die wertvollen bauhistorischen Architekturteile an der Kornhaus-Nordfassade, wie der Treppenerker und der Kaminschacht, kommen auf diese Weise optimal zur Geltung.

BLICK IN DIE BAUGESCHICHTE. Im Allgemeinen vereinigt das Entwurfskonzept zwei prinzipielle Gestaltungsansätze: Die wertvollen historischen Bausubstanzen sollten so weit wie möglich erhalten bzw. wiederhergestellt und die zu ergänzenden Neubauten in das historische Ensemble integriert werden.

Dabei galt es vor allem, die wertvolle historische Bausubstanz, die die Landes- und die Justizgeschichte erzählt, zu bewahren. Dementsprechend wurden wichtige Befunde restauriert bzw. gesichert. In ausgewählten Fällen gewähren „Schaufenster“ dem Betrachter einen Blick in die Baugeschichte.

FOTO: Steffen Spitzner, Gera

Die vertikale Ätzung der Scheiben geben dem Gebäude seine Raumkanten bei gleichzeitiger Leichtigkeit und Eleganz. Zusätzlich entsteht durch eine Siebbedruckung in der Fassade ein Wechsel zwischen durchsichtigen und opaken Abschnitten, der Transparenz und Körperhaftigkeit zusammenführt.

Der neue Eingangsbereich, der zwischen Kornhaus, westlicher Schildmauer und Turmruine angeordnet wurde, bildet das zentrale Element der Ergänzungsbauten. Dem Gestaltungsprinzip „Transparenz – Körper im Raum“ folgend, wurden notwendige Funktionseinheiten, wie der Pförtnertresen, als freistehende Kuben in den gläsernen Hüllen platziert.

INNOVATIVE GLASBAUWEISE. Die architektonische Umsetzung des zentralen Entwurfsgedankens der Transparenz bedeutete jedoch einen hohen technischen Anspruch an die Konstruktionen. Nicht nur die Hüllflächen, Fassade und Dach, sollten den Durchblick erlauben, sondern auch das Tragwerk selbst.

Die Besonderheit stellt das Dach mit Vollglasträgern dar – eine innovative und neue technische Bauweise im Umgang mit Glas. Eigens für den Eingangsbereich wurde ein gläserner Trägerrost mit quadratischem Raster entwickelt, der den Raum stützenfrei überspannt.

Dieser setzt sich aus sieben Meter langen Hauptträgern zusammen, zwischen die im Abstand von 1,40 Metern Nebenträger eingehängt wurden. Die Träger mit einer einheitlichen Bauhöhe von 35 Zentimetern bestehen aus einem sechs Zentimeter starken, vierteiligen Verbundsicherheitsglas. Über Randträger aus Stahl wird die Konstruktion an den Umfassungswänden verankert.

Um die transparente Wirkung zu verstärken, gehen Hoffläche und Eingangsbereich fast nahtlos ineinander über. Das durchlaufende Bodenmaterial aus Basalt hebt die Trennung auf, sodass der Hof, wie historisch gewachsen, bis an die westliche Schildmauer reicht.

Das Beleuchtungskonzept unterstützt diese Entwurfsidee zusätzlich. Entlang der Bestandsmauern verläuft eine in den Boden integrierte Lichtvoute, die die historische Bausubstanz illuminiert und optisch in den Mittelpunkt rückt. Es ergibt sich ein spannungsvoller Kontrast zwischen der historischen Bausubstanz und den modernen Ergänzungsbauten.

GEKLEBT STATT VERSCHRAUBT. Eine ingenieurtechnische Besonderheit ist die Konstruktion des rund 25 Meter langen und 2,50 Meter breiten Verbindungsgangs, der von der Turmruine zum Schloss führt. Das Tragwerk bilden 17 Halbrahmen aus Verbundsicherheitsglas, die am Fußpunkt an der Stahlbetonrampe befestigt sind, während das obere Auflager in die Schildmauer eingelassen ist.

In den Ecken sind die Halbrahmen nicht verschraubt, sondern mit einer transparenten, hochfesten Klebung verbunden. Diese innovative Technik eröffnet völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten.

GLASKONSTRUKTIONEN
Hunsrücker Glasveredelung
Wagener GmbH & Co. KG

SCHLICHTE ELEGANZ. Da der Bereich nicht beheizt wird, musste für Fassade und Dach keine Isolierverglasung verwendet werden. So entstand eine nicht weiter zu steigernde Transparenz.

Mit einer schlichten Eleganz, die sich in Zurückhaltung gegenüber dem historischen Bauwerk übt, gewährleistet der Verbindungsgang einen witterungsgeschützten und effektiven Übergang für Mitarbeiter und Besucher. Darüber hinaus bildet die gläserne Konstruktion eine funktionelle und gestalterische Einheit mit dem eingeschossigen Erweiterungsneubau am Kornhaus. Zur Beleuchtung dienen Einbauleuchten mit Opalglasabdeckung als Lichtband.

EFFEKTVOLLE PRÄSENTATION. Heute werden die auf 1220 datierten ältesten Funde effektvoll präsentiert. Dazu gehören unter anderem ein romanisches Fenster im Nordgiebel, eine romanische Kaminsteinkonsole und die Amtsstuben aus dem 18. Jahrhundert mit Kreuzgewölbe.

VERSTÄRKUNG DER TRAGSTRUKTUR. Die im Schloss vorgefundene Tragstruktur bestand aus zwei parallelen, längsorientierten Fachwerkwänden, die aus der Umbauphase im 19. Jahrhundert stammten, und querliegenden Holzbalkendecken. Eine Erhaltung der Innenwände war nicht möglich, da sowohl die Tragwerkfähigkeit als auch der Brand- und Schallschutz nach den heutigen Anforderungen nicht mehr gewährleistet werden konnte.

Daher wurde ein neues System aus massiven Mauerwerkswänden in Verbindung mit Trockenbauwänden errichtet. Die historischen Balkendecken konnten teilweise durch ein spezielles Verfahren im Verbund mit Beton statisch ertüchtigt werden.

Die Leitlinie der Sanierung im Kornhaus mit Kornhausanbau war es, den authentischen historischen Charakter zu bewahren. Grundsätzlich wurde das statische System des Kornhauses erhalten.

Nur in wenigen Teilbereichen mussten Wände aus Brandschutzgründen durch Trockenbaukonstruktionen ersetzt werden. Unterzüge verstärken die Holzbalkendecken.

RESTAURIERUNG UND REKONSTRUKTION. Blickfang in dem historischen Sitzungssaal im zweiten Obergeschoss ist eine Holzkassettendecke von 1878. Darauf wurde zwischen den Renaissancedeckenbalken aus dem 16. Jahrhundert eine Eichenholz-Imitationsfassung aufgebaut.

Im selbigen Raum wurde durch aufwändige Restaurationsarbeiten ein umlaufender Wandfries von 1878 rekonstruiert. Damit bildet die Wiederherstellung einer gründerzeitlichen Wand- und Deckenfassung die Basis der Gestaltung.

In historischen Arrestzellen des Kornhausanbaus erzählen Wandbilder, von Häftlingen aus dem 18./19. Jahrhundert erschaffen, von der ehemaligen Gefängnisnutzung. Die Wandbilder wurden im Zuge der Sanierung freigelegt und restauriert.

Bei Rückbauarbeiten fand man im ersten Obergeschoss des Kornhauses einen geheimen Durchgang aus der Zeit um 1395 auf die südliche Schildmauer. Im dritten Obergeschoss wurde ein Mauergang mit einem sehr gut erhaltenen Zellengewölbe aus dem 16. Jahrhundert entdeckt, der von der westlichen Außenwand ins Dachgeschoss führt.

Im Zuge der denkmalgerechten Sanierung wurden gotische Lanzettfenster mit original geputzten Fensterleibungen in der östlichen Außenwand des Schlosses sichergestellt. Sie sind nun aufgearbeitet und können besichtigt werden.

Darüber hinaus wurden der spätgotische Mauerwerksgiebel auf der Nordseite des Schlosses sowie historische Innen- und Außentüren restauriert und wieder eingebaut. Eine aus Porphyr-Stein gehauene Wendeltreppe im „Wendelsteinanbau“ von Mitte des 19. Jahrhunderts, dem Treppenaufgang am Schloss im Innenhof der Anlage, konnte saniert und wirkungsvoll in Szene gesetzt werden.

SINNVOLLE NUTZUNG. Die moderne Nutzung als Amtsgericht und Staatsanwaltschaft der vorhandenen alten Gebäudestrukturen Schloss und Kornhaus ist ökonomisch wie auch ökologisch als äußerst sinnvoll zu betrachten. Die bis zu zwei Meter dicken Außenwände erzeugen einen natürlichen Wärme- und Sonnenschutz.

Neue Holzfenster, Außentüren und Innendämmung (Calzium-Silikat-Platten) in den Fensterleibungen führen zu einer sinnvollen Verbesserung der Energieeffizenz des Gebäudes. Der Primärenergiebedarf für die Altbauten liegt somit innerhalb der Vorgabe der ENEV 2007.

FOTO: Steffen Spitzner, Gera