Neubau Wohn- und Atelierhaus Kleine Rittergasse 11 in Frankfurt-Sachsenhausen

„Nachbild“ des Vergangenen
per „Zitterstrich“

Ein Zeichen für
ein Stadtviertel
im Umbruch

FOTO: Oliver Tamagnini

IMPULS FÜR DIE ALTSTADT. Franken Architekten wurde von einem privaten Bauherren in Frankfurt am Main beauftragt, durch die Planung eines Wohn- und Atelierhauses in der Kleinen Rittergasse 11 im Kern der Sachsenhausener Altstadt einen neuen Impuls zu schaffen. Der Bestand setzte sich zusammen aus einer maroden dreiteiligen Häusergruppe.

Aus der Summe der Gutachten ergab sich, dass die ursprünglich angestrebte Rekonstruktion weder bauhistorisch begründbar noch konstruktiv oder wirtschaftlich darstellbar war. Dieser Auffassung schloss sich auch das Amt für Denkmalschutz an, und Franken Architekten plante nun den Abriss des Bestandes und einen kompletten Neubau.

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TRADITION UND INNOVATION. Im Kontrast zu den zahlreichen touristischen Lokalitäten im Umfeld wurde durch das Ansiedeln einer Mischnutzung aus Fotoatelier, Büro und Wohnungen eine kreative Zelle gesetzt und die in Alt-Sachsenhausen raditionelle Verbindung von Wohnen und Arbeiten wiederbelebt. Im Erd- und Untergeschoss befindet sich ein Atelier und Fotostudio mit Ausstellungsräumen, Küche, Bar und einer Apfelweinpresse, im ersten Obergeschoss sind die Büros der Fotografen und einer Galeristin untergebracht und im zweiten Obergeschoss zwei Wohnungen.

In der historischen Recherche kam zutage, dass die Lücke zwischen Vorder- und Hinterhaus einstmals geschlossen gewesen war. Der Baukörper des Neubaus nimmt diese Kubatur der Bestandsgebäude abstrahiert auf und schließt die Lücke mit einem dritten Baukörper.

FOTO: Eibe Sönnecken

Es entstand ein dreigiebliges Gebäude ohne Dachüberstände mit einem gläsernen Mitteltrakt. Der Sockel ist mit Naturstein verkleidet. Die Bauaufsicht Frankfurt wählte das Projekt zu einem Ihrer Leitprojekte im Bereich Wohnen für das Jahr 2012.

SCHATTENRISS MIT WECHSELNDEM ERSCHEINUNGSBILD. Werden nach langer Betrachtung eines Objektes die Augen geschlossen, entsteht ein Phantombild auf der Netzhaut. Dieses unscharfe Bild verblasst nach einiger Zeit. In der Fassadengestaltung des Wohn- und Atelierhauses wurde die von Franken Architekten entwickelte Strategie des Nachbildes angewendet.

Aus dem Aufmaß des konstruktiven Fachwerks des Vorderhauses wurde eine Zeichnung angefertigt. Ein digitaler Algorithmus erzeugte einen parametrischen Zitterstrich immer an den Stellen, an denen einstmals Fachwerkbalken saßen.

AUSSEN VERSCHLÜSSELT, INNEN VERFREMDET. Der Zitterstrich könnte eine Schrift sein, die einen geheimen Text verschlüsselt. Die willkürliche Perfektion der onamentalen Schnörkel entzieht sich jeder Lesbarkeit.

Text spielt auch im Interior Design des Gebäudes eine Rolle. In der violetten Oberfläche der Einbaumöbel, die beide Wohnungen komplett ausstatten, ist der Text des Bob-Dylan-Songs „Subterranean Homesick Blues“ in verfremdeter und überlagerter Form als negatives Graffiti ausgespart.

ELEKTROINSTALLATION
BBK Elektroanlagen GmbH

In der Fernwirkung erscheint durch den verdichteten Schwarzwert das Fachwerk als Andeutung. Bei Annäherung löst es sich in abstrakte Zitterstriche auf.

Die Putzfassade lässt so das Fachwerk des Ursprungsbaus als „Nachbild“ wiederauferstehen. Der dazu notwendige Zitterstrich wurde durch eine maschinelle Fräsung erzeugt. Er wird als Schattenriss erkennbar und wechselt je nach Lichtstand über den Tag hinweg sein Erscheinungsbild. Diese Reminiszenz an das alte Gebäude stellt einen subtilen und zeitgemäßen Umgang mit dem Genius Loci und mit dem Thema Rekonstruktion dar.

FOTO: Oliver Tamagnini

AUSGEWÄHLTE, AN DIESEM BAUPROJEKT
BETEILIGTE FIRMEN:


ZIMMERER-, DACHDECKER-
UND SPENGLERARBEITEN
Weyershäuser GmbH

NEUE SACHSENHÄUSER GEMÜTLICHKEIT. Das leitmotivische Interior-Thema kreist jedoch um einen zeitgenössisch interpretierten Arts and Crafts Chic. Er inszeniert sich in Details wie dem in Holzoberflächen mit Messing eingelassenen typischen „Gerippte“-Rautenmuster von Apfelweingläsern oder einem Fliesenmosaik mit Bembelmotiv. Durch dieses transformierte Kunsthandwerk mit Lokalkolorit entsteht eine ganz „neue Sachsenhäuser Gemütlichkeit“.

Die Materialität und die Farbe von Einbauten und Böden in massiver Eiche, dunkelgrünen Fliesen, auberginefarbenen Wänden und Oberflächen sowie Arbeitsplatten aus ungehandeltem Messing strahlen Wärme in den ganzen Raum aus. Auch die Oberflächen aller Armaturen und Türklinken wurden auf das rohe Messing reduziert und können nun stilecht patinieren.

CROWDFUNDING-PIONIER. So setzt das Wohn- und Atelierhaus Kleine Rittergasse 11 in Alt-Sachsenhausen ein Zeichen – für ein Stadtviertel im Umbruch. Es ist deutschlandweit das erste Projekt im Immobilienbereich, das zum Teil über Crowdfunding finanziert wurde.