Neubau Siedlung Köschenrüti Zürich-Seebach

Ganzheitlich gedacht

Mehr Wohnqualität auf weniger Wohnfläche – zu niedrigeren Kosten

MINERGIE-ECO-ZERTIFIZIERT. Gute Architektur beinhaltet Anforderungen an die Nachhaltigkeit. Bei Wohngebäuden beschränken sich diese nicht nur auf die Reduktion des Ressourcenverbrauchs oder die Erfüllung energetischer Zielwerte. Sie verlangen nach einer umfassenderen Definition von Nachhaltigkeit und einem ganzheitlichen Ansatz.

Bei der Planung des Minergie-ECO-zertifizierten Neubaus der Siedlung Köschenrüti in Seebach für die Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich SAW wurde neben den allgemein bekannten Strategien wie der Minimierung des Heizwärmebedarfes, der Reduktion des Strombedarfs sowie der Optimierung der Umweltwirkungen von Konstruktion und Tragwerk ein Ansatz gewählt, der eines der architektonischen Kernthemen im Wohnungsbau in das Zentrum der Überlegungen rückt: den Wohnungsgrundriss. Das Ziel war, durch räumliche und funktionelle Optimierungen des Grundrisses dem stetigen Anstieg der Wohnfläche pro Person entgegenzuwirken.

Bob Gysin + Partner BGP
Architekten ETH SIA BSA

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IDENTITÄTSSTIFTENDE SETZUNG. Die städtebauliche Setzung reagiert auf den Übergang von der Stadt zur Landschaft und schafft einen atmosphärischen Ort. Städtebauliche Kanten werden aufgenommen und lassen die Gebäude in selbstverständlicher Nachbarschaft zur Landschaft und den Bestandesbauten stehen. Die Aufteilung in zwei winkelförmige Volumen bietet vielfältige Durchblicke sowie eine optimale Ausrichtung der Wohnungen und spannt außenräumliche Schwerpunkte auf: den belebten „Dorfplatz“ und kontemplative Rückzugsorte.

Begriffe wie Würde und Selbstbestimmung, Individualität und Privatsphäre sowie Integration und Gemeinschaft haben den Entwurfsprozess begleitet. Ziel des Projektes war es, den Bewohnern ein Höchstmaß an Freiheit und Individualität zu ermöglichen und ihnen gleichzeitig eine geschützte Atmosphäre anzubieten, so dass den gegenwärtigen und zukünftigen Ansprüchen an Raum und Komfort, aber auch dem Bedürfnis nach Wohlbefinden und Gemeinschaft entsprochen wird.

Die Siedlung beherbergt neben den neunzig altersgerechten Wohnungen Ergänzungsnutzungen wie Gemeinschaftsraum, Wohlfühlbad, Wäscheannahmestelle und Spitex. Im Erdgeschoss des südlichen Gebäudes befinden sich zwei Pflegewohngruppen für je zehn Bewohner der „Pflegezentren der Stadt Zürich“ (PZZ) für an Demenz erkrankte Menschen.

ERLEBNIS- STATT VERKEHRSFLÄCHE. Die Erschließungsbereiche dienen als vollwertig nutzbare Erweiterung des privaten Wohnraums und schaffen eine angemessene Differenzierung der sensiblen Übergangsbereiche zwischen privaten und gemeinschaftlichen Räumen. Die winkelförmige Gebäudetypologie der beiden Baukörper ermöglicht großzügige und natürlich belichtete Erschließungsbereiche.

Der spielerische Umgang mit Enge und Weite, Ausblicken und Fluchten wertet den Erschließungsraum zu attraktiven inneren Begegnungsflächen auf. Die Ausbildung von Nischen und farbigen Abschnitten rhythmisiert den Raum und bildet zugleich individuelle Vorbereiche für die Wohnungen. Sitzgelegenheiten im Bereich der Fassade bieten dabei Aufenthaltsmöglichkeiten mit spannenden Ausblicken in die abwechslungsreich gestalteten Außenräume.

FLEXIBLE STRUKTUR, NACHHALTIGE MATERIALISIERUNG. Die gewählte Gebäudestruktur als Skelettbauweise mit nicht tragenden Mauerwerkswänden, zweiseitiger Belichtung der Wohnungen und vertikaler technischer Infrastruktur ermöglicht eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Grundrisse an die mittel- und langfristige Entwicklung der Wohnbedürfnisse. Die nicht tragende Fassadenkonstruktion aus vorgefertigten Holz-Tafelelementen mit hinterlüfteten Faserzementplatten und die Einhaltung einer maximalen Regelspannweite von fünf Metern reduziert die in Primär- und Sekundärkonstruktion enthaltene Energie um fast dreißig Prozent gegenüber einer herkömmlichen Massivbauweise.

Die verwendeten Materialien und Baustoffe erfüllen hohe Anforderungen an die gestalterische Qualität und Dauerhaftigkeit und minimieren gleichzeitig die Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. Durch den erreichten Minergie-ECO-Standard konnte sowohl eine schadstofffreie Raumluftqualität gewährleistet als auch die Verwendung zertifizierter Hölzer und Materialien sichergestellt werden.

Sämtliche verwendeten Boden-, Decken- und Wandaufbauten sind zudem in Bezug auf die zu ihrer Herstellung notwendige Energie optimiert. Durch die Vorfabrikation einzelner Elemente (beispielsweise Nasszellen und Fassade) konnten die Kosten reduziert werden bei gleichzeitiger Steigerung der Qualität und Verkürzung der Bauzeit.

FOTOS
Dominique Marc Wehrli
La Chaux-de-Fonds

WENIGER IST MEHR. Auf Grund der realisierten Grundrissoptimierungen entschloss sich eine Vielzahl von Mietinteressenten nach der Besichtigung der Musterwohnung für die kleinere 1,5-Zimmer Wohnung an Stelle der ursprünglich reservierten größeren Wohnungstypen. Auf diese Weise konnte die Wohnfläche – und mit ihr der gesamte Energie-, Ressourcen- und Flächenverbrauch des Gebäudes pro Bewohner – um fast zwanzig Prozent gesenkt werden. Die Reduktion der Mietkosten um bis zu 15 Prozent ist ein vielversprechender Ansatz zur Widerlegung der These, dass nachhaltiges Bauen zwangsläufig zu einer Erhöhung der Erstellungskosten und damit auch des Mietzinses führe.

GROSSZÜGIGKEIT AUF KLEINEM RAUM. Das übergeordnete Ziel der Grundrissgestaltung war es, trotz der beschränkten Wohnfläche und ohne funktionelle Einbußen ein Höchstmaß an Großzügigkeit zu ermöglichen. So wurde auch bei den 1,5-Zimmer-Wohnungen darauf Wert gelegt, dass ein zweiter vollwertiger und abschließbarer Raum entsteht, um einen vor den Blicken der Gäste sichtgeschützten Bereich zu schaffen.

Der fließende Wohnraum gliedert sich in verschiedene räumlich und funktionell differenzierte Bereiche und verzichtet auf wohnungsinterne Korridore. Die Anordnung der sturzfreien Fenster schafft eine optimale Belichtung der Wohnungen, und die auf 65 Zentimeter abgesenkten Brüstungen ermöglichen auch im Sitzen einen ungehinderten Ausblick in den Außenraum, ohne ein Gefühl des „Ausgestelltseins“ aufkommen zu lassen.

Die den Schlafräumen vorgelagerten eingezogenen Loggien mit perforierten Brüstungen bieten einen sichtgeschützten Außenraum und ermöglichen zugleich einen attraktiven Ausblick aus den Schlafräumen sowie eine gute Versorgung mit Tageslicht. In den Wohnungen der Flügelbauten schafft ein Bandfenster mit Sichtschutz im Bereich der Küche Ausblick nach Norden und in den Erschließungsbereich und damit ein „Durchwohnen“.