Neubau Schönholzer 15/16 Berlin

Neubau Schönholzer 15/16 Berlin

Wohnen als grenzüberschreitender Kulturaustausch

Oder der Versuch, Schnittstellen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit neu zu definieren

AUF ZUM GROSSSTADTHAUS. „Wenn ich in Satteldorf aus dem Haus gehe, treffe ich nach fünfzig Metern auf das erste Wild. Herr Roedig, ich kann kein Reh mehr sehen …“ Mit diesen Worten stand im Jahr 2006 ein Herr, um Ende vierzig, im Architekturbüro roedig schopp. Er hatte über einen Zeitungsartikel von den Wohnprojekten der Architekten erfahren und wollte, nach Jahren im beschaulichen Hohenlohe, ein Großstadthaus bauen, das er und seine Frau für einige Zeit im Jahr auch selber bewohnen könnten. Es sollte aber mehr werden als nur ein einfaches Haus.

Nach einer kurzen Kennenlernphase unternahmen die Architekten mit dem neu gewonnenen Bauherren Fahrradtouren durch die Stadt und fanden in Berlin Mitte auf dem ehemaligen Grenzstreifen ein geeignetes Grundstück. Die fast 900 Quadratmeter große Baulücke in der Schönholzer Straße umfasste zwei Parzellen und Relikte der Hinterlandmauer, der rückwärtige Grundstücksteil befand sich auf dem ehemaligen Postenweg der DDR-Grenzanlagen. Die Gründerzeitbebauung wurde dort erst ab 2006 wieder durch einige Neubauten ergänzt. Gegenüber fiel der Blick durch die noch unbebaute Bernauer Straße in den Wedding mit seinem offenen Städtebau.

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IM ZENTRUM STEHT DER PÜA. Die Bauherren haben selber eine Berliner Geschichte, die nach dem Mauerbau durch den Wegzug aus der Stadt unterbrochen worden war. Das erklärt vielleicht auch das Engagement und die lange Planungszeit, die weit über ein herkömmliches Investorenprojekt hinausgingen. Im Projekt Schönholzer 15/16 sollte – so die Idee – Wohnen als ein grenzüberschreitender Kulturaustausch stattfinden.

Kernstück des Gebäudes ist der 110 Quadratmeter große und 5,50 Meter hohe „PÜA“, ein mietbarer Veranstaltungs- und Proberaum mit kompletter Bühnentechnik, Eingangsfoyer, Duschen und Umkleiden. In Tatami- Schlafräumen nach japanischem Vorbild können im zweiten Obergeschoss die Gastkünstler übernachten. Gleich nebenan stehen Arbeitstische zur Verfügung, und in der Lobby im Erdgeschoss kann für die ganze Truppe gekocht werden.

EINE MISCHUNG SICH ERGÄNZENDER ANGEBOTE. Jeweils unterschiedliche Wohnungen im Gebäude waren zu kaufen oder zu mieten. Nur die große Maisonette-Wohnung im Obergeschoss war bereits für eine Wohngemeinschaft verplant, in der sich die Bauherren selbst ein Zimmer reserviert hatten. Für die anderen vier Schlafräume mit Wohnräumen und separaten Bädern suchten sie MitbewohnerInnen, die etwa aus beruflichen Gründen regelmäßig in der Stadt sind und das WG-Leben einer Übernachtung im anonymen Hotelzimmer vorziehen.

Nicht alle Ideen konnten umgesetzt werden. Die gewünschten Musikübungsräume wichen einer Wohnung, die zur Finanzierung erforderlich war. Insgesamt aber entstand kein übliches Wohnhaus, sondern eine Mischung sich ergänzender Angebote für die Bewohner des Hauses und der Umgebung. Es ist der Versuch, die Schnittstellen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit neu zu definieren.

ZUKUNFTSWEISENDES KONZEPT. Im Haus sind jeweils links und rechts der beiden Treppenhäuser die „Pockets“ verortet, kleinere Maisonettes mit 80 Quadratmetern. In der Hausmitte konnten deshalb die Etagenwohnungen mit 186 Quadratmetern und mit abtrennbaren Einliegerwohnungen besonders großzügig geplant werden.

Statt einer Tiefgarage wird die Fahrradtiefgarage für E-Bikes mit Aufladestationen direkt mit einem Aufzug (Durchlader für Räder mit Anhänger) erschlossen. Im Untergeschoss sind auch ein behindertengerechtes Besucher-WC und eine Werkstatt untergebracht. In der Durchfahrt neben dem Eingang kann ein hausinternes Carsharing mit gleichschließenden Kleinwagen angeboten werden. Auch ein Austritt auf die Dachterrasse ist allen Bewohnern vorgehalten.

Für die Haustechnik und für das Energiekonzept wollte man unabhängig vom normierten Energiestandard das beste Konzept finden: Erdwärme mit 99 Meter tiefen Bohrungen im Garten wird mit einem Blockheizkraftwerk und der Wärmerückgewinnung der belüfteten Räume verbunden. Die elektrischen Anlagen könnten automatisch über ein Bussystem gesteuert werden. Auch die hausinterne Vernetzung, die Zisternen im Garten und eine Grauwasseranlage entstanden aus dem Engagement der Bauherren für ein zukunftsweisendes Haus.

AUFWÄNDIGES FASSADENDESIGN. Auf der Süd- und Straßenseite sind die sogenannten „Catwalks“ vorgelagert, das sind durchlaufende Loggien hinter einer großformatigen tragenden Lochfassade aus Sichtbeton (Ortbeton) mit Außenvorhängen. Dahinter liegt die eigentliche Fassadenebene aus raumhohen Verglasungen mit Schiebefenstern. Die Gartenseite in prominenter Lage, direkt an den erweiterten Gedenkstättenbereich grenzend, ist ebenfalls aufwändig gestaltet.

Die Grundrisse der Wohnungen sind auf allen Etagen individuell und auch nach Wünschen der späteren Bewohner entworfen. Die sich daraus ergebenden verschiedenen Fensterlagen und -größen in der Fassade werden mit einer Fassadengliederung aus dunkel beschichteten Aluminiumpaneelen und Sichtbetonfertigteilen überspielt. Die terrassengroßen und 2,50 Meter tiefen Balkone verbinden schwellenlos den Innen- und Außenraum der Wohnungen.

ZURÜCKHALTENDE GARTENGESTALTUNG. Die verbleibende kleine Gartenfläche ist eingefriedet und mit einer wassergebundenen Wegedecke, kleinblättrigen Bäumen und Bambus zurückhaltend gestaltet. Die Bauherren traten einen nicht unwesentlichen Gartenteil an die Stiftung Berliner Mauer ab, um dort über die erweiterte Gedenkstätte einen Zugang für die Öffentlichkeit zu ermöglichen.

Der kleine Betonpavillon an der Grenze zum Postenweg wird zunächst als Gartenunterstand genutzt und von der Postenwegseite mit einer Hecke verstellt. Vorsorglich haben die Architekten ein Fenster eingebaut. Wer weiß, ob die Bauherren dort nicht irgendwann den Besuchern der Mauergedenkstätte einen Kaffee anbieten wollen.

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STEFAN MÜLLER
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