Neubau Musiktheater Linz

Neubau Musiktheater Linz

Ein neues Wohnzimmer für die Stadt

Gelungenes Zusammenspiel von internationaler und nationaler Architektenkompetenz

NEUE STÄDTEBAULICHE QUALITÄT. Die Stadt Linz erhielt ein neu erbautes Musiktheater, das nicht nur als Spielstätte wesentliche Bedeutung für das Kulturleben in Oberösterreich hat, sondern durch seine Architektur und Platzierung eine neue städtebauliche Qualität für Linz erzeugt. Im Sinne des Architekten Terry Pawson sollte dieser Bau die Gelegenheit bieten, mehr als ein reines Opernhaus zu sein. Er wollte „sozusagen ein neues Wohnzimmer für die Stadt schaffen“.

Nach der Gründung des Vereins der Freunde des Linzer Musiktheaters war im Jahr 1984 erstmalig der Wunsch nach einem neuen Opernhaus formuliert worden. Nach zwanzig Jahren und mehreren Projektideen an unterschiedlichen Standorten in der Stadt wurde der Bauplatz beim Volksgarten im Stadtteil Blumau auserkoren, für welchen seitens der oberösterreichischen Landesbaudirektion ein europaweiter Architekturwettbewerb ausgeschrieben wurde.

ZEITLOSE ÄSTHETIK BIS INS DETAIL. Die Jury erklärte den Beitrag von Terry Pawson Architects aus London zum Siegerprojekt. Ausschlaggebend für die Entscheidung waren neben der gelungenen Anbindung des Theaters an die Stadt durch den starken Bezug zu Volksgarten und Landstraße die zeitlose Ästhetik des Gebäudes. Pawsons Konzept bezog sich in Form, Höhenentwicklung und Sichtbezügen konsequent auf den Standort und macht den Bau in diesem Sinne authentisch und unverwechselbar.

Nach der Einreichung durch Terry Pawson wurden die weiteren Architekturplanungsleistungen für die Errichtung des Musiktheaters nach neuer öffentlicher Ausschreibung der Architektenarbeitsgemeinschaft ArchitekturConsult ZT GmbH und ihrem Linzer Partner Archinauten-Dworschak & Mühlbachler Architekten ZT GmbH übertragen. Gerade an der Detailausführung ist die Handschrift der österreichischen Architekten verstärkt ablesbar, womit man die Gestaltung des Bauwerks als ein produktives Zusammenspiel von internationaler und nationaler Architektenkompetenz bezeichnen kann.

ENTWURF/DESIGN

TPA
Terry Pawson Architects

tpawson@terrypawson.com
www.terrypawson.com

AUSFÜHRUNG

ArchitekturConsult ZT GmbH
communications@archconsult.com
www.archconsult.com

AUSFÜHRUNG

archinauten
dworschak + mühlbachler
architekten zt gmbh

Schratzstraße 11
A-4040 Linz
Tel. +43 (0)732 / 7100 52
Fax +43 (0)732 / 7100 52-8
office@archinauten.com
www.archinauten.com

INTEGRATION INS STADTGESCHEHEN. Die in Pawsons Konzept angestrebte Integration des Bauwerks ins Linzer Stadtgeschehen wurde durch die Verlegung der ehemaligen Blumauerstraße erreicht. Von der Parkanlage kommend, gelangt man über eine breite, erhöht liegende und über eine Freitreppe zugängliche Plattform zum westseitigen Haupteingang. Diese Terrasse überbrückt strukturell die darunter liegende Straßenbahntrasse und ideell die Barriere zwischen Volksgarten und Hochkultur und bildet einen öffentlichen Bereich mit Kaffeehausgarten aus, der auch den Parkbesuchern zur Verfügung steht.

Die Eingangsfront ist die Schauseite des Musiktheaters und, wenn man vom Linzer Stadtzentrum kommt, von der Landstraße aus sichtbar. Sie ist – von einer Loggia gerahmt und über drei Geschosse verglast – von überschaubarer Dimensionierung. Die enorme Längenausdehnung des Gebäudekomplexes, der sich über zwei Häuserblocks erstreckt, ist aus diesem Blickwinkel nicht wahrnehmbar.

FASSADE ALS STEINERNER VORHANG. Süd- und Ostfassade gehen in einer Rundung ineinander über und haben eine Gesamtlänge von 200 Metern. Um die gestalterische Idee eines „umlaufenden Vorhangs“ an der Fassade umzusetzen, ist den eigentlichen Gebäudemauern ein Stahlbetonfachwerk vorgelagert.

Durch die vertikale Rasterung und das unregelmäßige Wechselspiel zwischen offenen und mit Steinverkleidung ausgefachten Feldern wird an der Fassade Spannung erzeugt und gleichsam deren Länge entschärft. Fensteröffnungen konnten nach Bedarf gesetzt werden, ohne den Duktus der Fassade zu beeinträchtigen. Besonders attraktiv ist der Blick vom vorbeifahrenden Zug aus, dessen Strecke an der Ostseite verläuft, da sich durch die Rasterung der Fassade eine dynamische Bildabfolge bietet.

IN DER GRÖSSE LIEGT DIE EFFIZIENZ. In der Größe des neuen Linzer Opernhauses liegt auch seine Effizienz, da neben dem Bühnen- und Zuschauerraum sämtliche Produktionswerkstätten, Depots, Proberäume und Nebenbühnen unter einem Dach beziehungsweise hinter der beschriebenen Vorhang-Fassade vereint sind. Die unterschiedlichen Bauteile sind dabei schalltechnisch völlig voneinander getrennt, um die parallele Nutzung ihrer jeweiligen Funktion entsprechend zu gewährleisten.

So kann in der Montagehalle, die an die Hinterbühne anschließt, ein Bühnenbild aufgebaut werden, während auf der Hauptbühne selbst eine Vorstellung gegeben wird. Da auf dem Spielplan nicht nur klassische Oper und Ballett, sondern auch Operette, Musical und Orchestervorstellungen stehen, muss die Gleichzeitigkeit von Produktion und Darstellung gegeben sein.

TRANSPORT-DREHBÜHNE MIT 32 M DURCHMESSER. Den Kern des Gebäudes bildet die im Durchmesser 32 Meter große Transport-Drehbühne mit den erwähnten Annexräumen und dem Zuschauerraum. Südostseitig liegen Werkstätten und Büros, nordseitig die Künstlergarderoben und Proberäume sowie eingeschnittene, mit einem Glasdach versehene Lichthöfe, welche die natürliche Belichtung bis ins Innere des Gebäudes gewährleisten. Die Anlieferung erfolgt an der Nordostseite.

Im aufgesetzten Terrassengeschoss befinden sich die Büroräume der Verwaltung, die Kantine und das öffentliche Restaurant. Das Restaurant ist unabhängig vom Opernbetrieb über ein eigenes Stiegenhaus zugänglich und über der Loggia beim Haupteingang ebenfalls zum Park hin ausgerichtet.

VIELFÄLTIGES RAUMANGEBOT. Den Theaterbesuchern stehen Parkplätze im zweiten und in einem Teilbereich des ersten Untergeschosses zur Verfügung. Im ersten Untergeschoss sind außerdem unter anderem Unterbühne, Orchestergraben, Instrumentendepot und Zimmer zum Stimmen der Instrumente untergebracht.

Ferner gibt es zwei zusätzliche Aufführungssäle, die über ein unterirdisches Foyer separat zugänglich sind. Die Studiobühne ist in Schwarz gehalten und trägt daher den Namen Blackbox. Der Raum ist trapezförmig und soll für mannigfaltige Zwecke von Kindertheater bis Modern Dance genutzt werden können.

Der „Große Orchesterprobesaal“ hingegen ist so wie die Balkone im großen Auditorium in Goldoptik gehalten. Er dient nicht nur zur Probe, sondern mit seinem angeschlossenen Aufnahmestudio auch als Raum für Musikaufnahmen sowie als Spielstätte für konzertante Aufführungen wie Kammermusikabende.

EINDRUCKSVOLLES ENTREE. Im Halbstock zwischen Unter- und Erdgeschoß liegen die Publikumsgarderoben. Über die Treppe weiter gelangt man ins Eingangsfoyer.

Der Besucher betritt das Opernhaus über diese niedrig gehaltene Eingangshalle, in der die Tageskassen, das Café und ein Shop untergebracht sind. Eine breit angelegte Treppe führt einen Halbstock hinauf, wo sich der Raum weit nach oben bis zu einer Oberlichtverglasung erweitert und so mit Tageslicht erhellt wird.

Die Stiege setzt sich links und rechts vom Podest aus fort und mündet schließlich in das Hauptfoyer im ersten Stock, das großzügig dimensioniert ist und durch die raumhohe Glasfassade visuell bis in den Grünraum des Parks erweitert wird. Von dort aus wird das Auditorium erschlossen.

KOMFORTABLES RANGTHEATER. Der Zuschauerraum selbst ist als Rangtheater konzipiert, um von allen 970 (maximal 1.180) Plätzen aus eine optimale Sicht auf die Bühne zu gewährleisten. Selbst das Niveau Parterre ist leicht ansteigend.

Erstmalig bei einem Opernhaus wurden innerhalb des Saales Verbindungstreppen zwischen den einzelnen Rängen hergestellt. Diese Maßnahme erzeugt nicht nur räumliche Durchlässigkeit, sondern wirkt sich auch auf die Akustik positiv aus.

Auf den Besucherkomfort wurde besonderes Augenmerk gelegt: Der Sitzreihenabstand ist weiter als in allen anderen Opernhäusern Europas.

KLASSIZISTISCH GEPRÄGTE MODERNE. Das Musiktheater Linz ist als in sich ruhender Baukörper angelegt, klar strukturiert und trotz seiner enormen Größe überschaubar. Es besticht formal durch eine zeitlose Moderne klassizistischer Prägung.

AUSGEWÄHLTE, AN DIESEM BAUPROJEKT
BETEILIGTE FIRMEN:


BRANDSCHUTZPLANUNG
IBS - Technisches Büro GmbH
Petzoldstraße 45
A-4021 Linz
Tel. +43 (0)732 / 7617-450
Fax +43 (0)732 / 7617-451
tb@ibs-austria.at
www.ibs-tb.at

FOTOS
Dirk Schoenmaker

Wie eine doppelte Kolonnade zieht sich die orthogonale Struktur aus weißen Betonfertigteilen als metaphorisch umlaufender Vorhang schützend rund ums Haus. Mit diesem architektonischen Kunstgriff einer äußeren Schicht, die begrenzend und gleichzeitig durchlässig ist, wird das Gebäude dem Anspruch gerecht, als Kulturinstitution mit dem Stadtgeschehen vernetzt zu sein.

TRAVERTIN, BETON, MESSING. Dort, wo Fassadenfelder geschlossen werden sollten, sind Platten aus gespaltenem römischen Travertin eingelegt. Die bruchraue, beigefarbene Oberfläche sorgt für eine weiche Textur gegenüber dem glatten, weißen Fachwerk aus Stahlbeton.

Alle hinter dem „steinernen Vorhang“ liegenden Teile, die auf das Innere des Gebäudes verweisen, sind mit einer Schicht aus vorpatiniertem Messing belegt. Sie bilden mit den dunklen Fensterrahmen eine formale Einheit.

SCHWERTER ZUM SONNENSCHUTZ. Das aufgesetzte oberste Geschoß ist mit weißen vorgefertigten Betonplatten versehen. Sie sind gerillt und an der Oberfläche rau belassen.

Die Glasfassade des Hauptfoyers ist ebenfalls mit vertikalen Lamellen ausgestattet. Neben der erwünschten gestalterischen Wirkung nach außen hin dienen die wie Schwerter vor die Fassade gesetzten Elemente aus Lochblech im ausgeklappten Zustand auch als Sonnenschutz.

MARMOR, AKAZIE, EICHE. Der freundliche Farbton der Travertinplatten und die dunkle Färbung der Messingpatina wurden als formale Elemente im Inneren des Opernhauses ebenfalls eingesetzt. ArchitekturConsult und Archinauten wählten als Bodenbelag im Eingangsfoyer einen geschliffenen, hellen Untersberger Marmor, der sich auch über die Treppen zieht.

Die Wände sind aus Holz, das in einem dunklen, leicht rötlichen Farbton gehalten ist: Gedämpftes Akazienholz wurde vertikal in Lamellenform als semitransparenter Raumteiler eingesetzt und teilweise den Wänden und im Hauptfoyer im Obergeschoss auch der Decke vorgeblendet. Dort ist der Boden ebenfalls mit hellen Eichendielen versehen.

GOLDEN SCHIMMERNDES FLÜSSIGMETALL. Diese Materialien ziehen sich bis ins Auditorium, die Schale aus matten Holzoberflächen wird dort allerdings durch die Balkone kontrastiert, die golden schimmern. Sie sind mit einer glatten Oberfläche aus Flüssigmetall versehen, die anders als die klassische Vergoldung diffus schimmernd ausgeführt ist und bei künstlichem Licht durch die Reflexion tiefenwirksam erstrahlt.

Die Treppen der internen Erschließung der Ränge im Zuschauerraum sind durch einen transparenten Raumteiler abgetrennt. Schmal dimensionierte, goldene Metallstäbe sind vertikal vom Boden bis zur Decke gespannt und erzielen die Wirkung eines Perlenvorhangs. Somit findet sich auch dort ein „Vorhang“, der sich als gestalterisches Leitmotiv von der Fassade bis in das Herzstück des Musiktheaters, das Auditorium, zieht.

Das Projekt ist 2014 mit dem RIBA AWARD in der Kategorie european national winners ausgezeichnet worden.