Neubau Museum unter Tage Bochum 2015

Neubau Museum unter Tage Bochum

Landschaftsbetrachtungen ohne Ablenkung

Anthrazitfarbene Kuben führen in den Untergrund des Schlossparks, wo sich lichtdurchflutete,
minimalistisch gestaltete Ausstellungsräume erstrecken

NEUORDNUNG DER FREIFLÄCHE. Betrat man bisher den Schlosspark im Bochumer Stadtteil Weitmar über das eiserne Eingangstor von der Hattinger Straße, wies die Wege- und Sichtbeziehung über eine weiträumige Grünfläche hinweg den Besucher unwillkürlich zur Ruine mit dem im Jahr 2010 für die Kulturhauptstadt eingestellten Glaskubus. Jetzt wird dieser, dem Besucher durch die bestehende räumliche Grundordnung vorgegebene Blick durch eine Neuordnung der Freifläche vor der Ruine ergänzt.

Die strenge, seit Jahrhunderten vorhandene Sichtbeziehung wird abgelenkt durch ein vor der Ruine angelegtes, etwa 25 mal 75 Meter großes anthrazitfarbenes Rechteck, scheinbar gefasst durch drei kleine, auf den Ecken angeordnete Quader und eine aus der Raumgeometrie des anthrazitfarbenen Rechtecks herausgesetzte, vom Bildhauer Prof. Erich Reusch erstellte Rauminstallation aus Stahl und Grün. Die neu angelegte, nunmehr leicht abgeknickte Wegführung sowie fünf unterschiedlich hohe und farbige, scheinbar auf der Fläche tanzende Säulen lösen die strenge Achsenbeziehung auf, ohne jedoch in eine unnötige Konkurrenz zur Ruine zu treten.

KONZEPT
Prof. Herbert Pfeiffer,
Architekt BDA

Lüdinghausen

REALISIERUNG

VERVOORTS & SCHINDLER Architekten BDA
Steinring 125
D-44789 Bochum
Tel. +49 (0)234 / 3308 0-0
Fax +49 (0)234 / 3308 0-2
info@vs-architekten.de
www.vs-architekten.de


BAUHERR
Stiftung Situation Kunst, Bochum

OBERIRDISCHE VERORTUNG. Das neue Raumkonzept bietet die oberirdische Verortung eines tief in die Erde eingegrabenen Gebäudes. Es ist in den historisch gewachsenen Schlossparik mit seinen teilweise Jahrhunderte alten Bäume eingepflanzt, unter der Vorgabe, sich über eine klare, zurückhaltende Architektursprache an die vorhandenen Gebäude im Park anzulehnen und die bestehende Parklandschaft in ihrem räumlichen Zusammenhang zu erhalten.

Hier ist vom „Museum unter Tage“ – kurz MuT – die Rede. Schon der Name erinnert an die vom Bergbau geprägte Kulturgeschichte des Ruhrgebietes.

AUSGEWÄHLTE, AN DIESEM BAUPROJEKT
BETEILIGTE FIRMEN:


LÜFTUNGSGITTER
SLT Schanze Lufttechnik GmbH
Lenzfeld 8
D-49811 Lingen
Tel. +49 (0)591 / 9733 7-0
Fax +49 (0)591 / 9733 7-50
info@SLT-Lingen.de
www.SLT-Lingen.de

SCHILDERERSTELLUNG
Paul Serafini GmbH & Co. KG
Giesestraße 30
D-58636 Iserlohn
Tel. +49 (0)2371 / 771-0
Fax +49 (0)2371 / 771-110
verkauf@serafini.de
www.serafini.de

1.350 M² AUSSTELLUNGS-UNTERWELT. Das Museum stellt die dritte und letzte Ausbaustufe der Situation Kunst dar und nimmt die Ausstellung „Weltsichten“, Landschaft in der Kunst seit dem 15. Jahrhundert, auf. Die Sammlung zeigt ausgewählte Werke zur Landschaftsbetrachtung in der Kunst im Wandel der Jahrhunderte. Die Kunstwerke von der klassischen Malerei bis hin zur raumfüllenden Video-Sound-Installation finden auf rund 1.350 Quadratmetern Ausstellungsfläche ihren Platz.

In einer von Bochum ausgehenden Ausstellungsreihe wurde die Sammlung bereits in mehreren deutschen und internationalen Museen gezeigt, darunter Kiel, Wiesbaden, Chemnitz, Cottbus und Maastricht. Sie findet ihre Heimat in dem neuen Museum, das gleichzeitig der Ruhr-Universität Bochum zum 50-jährigen Bestehen als Lehrsammlung auf Dauer zur Verfügung gestellt wird.

5 SÄULEN UND 3 QUADER. Besonderer Wert wurde auf die oberirdische, sichtbare Gestaltung gelegt. Den Auftakt zu dem Ensemble bilden die eingangs beschriebenen fünf „Reusch Säulen“. Die Stahl- und Eisenskulpturen von Prof. Reusch, einem der bedeutendsten deutschen Bildhauer der Gegenwart, korrespondieren mit neu gebauter Architektur im öffentlichen Raum und strukturieren den prinzipiell unbegrenzten Raum, definieren sozusagen die Blickachsen neu.

Die das Museum in seinen Ausmaßen oberirdisch sichtbar markierenden Kuben aus anthrazitfarbenem Mendiger Eifelbasalt sind aus ihrer Funktion heraus entwickelt. Sie nehmen die Formensprache der bestehenden Museumsarchitektur auf und ordnen sich der vorhandenen Landschaft und der Ruine mit dem Kubus unter.

KONZENTRATION AUF DIE KUNSTWERKE. Der durch die geschlossene Form und dunkle Farbwahl der Quader vom Besucher erwartete Abstieg in die Finsternis der Unterwelt wird gleich beim Eintritt durch die blechbekleidete überhöhte Zugangstür im Eingangskubus auf den Kopf gestellt. Der Besucher betritt einen lichtdurchfluteten Treppenraum, der ihn in das tiefgelegene Museumsfoyer führt, bevor er in die ausschließlich über Kunstlicht beleuchteten Ausstellungsräume gelangt.

Vor dort an ist die Außenwelt ausgeschlossen – einzig und allein die Konzentration auf die ausgestellten Kunstwerke soll ermöglicht werden. Auch die Architektur ordnet sich in ihrer minimalistischen Material- und Farbwahl, bei der die Töne Grau und Weiß dominieren, bewusst diesem Thema unter und unterstreicht die wesentliche Aufgabe der Ausstellung als Lehrsammlung des kunstgeschichtlichen Institutes für die Ruhr-Universität Bochum.

GEOTHERMIEARBEITEN
Johannes Bonhoff GmbH
Freiheit 14
D-46348 Raesfeld
Tel. +49 (0)2865 / 7531
Fax +49 (0)2865 / 1523
wassertechnik@bonhoff.eu

100 % GEOTHERMIE. Das einzigartige Konzept, das gesamte Gebäude unterirdisch anzuordnen, schließt die jahreszeitlichen Temperaturen aus. Dadurch wird das Heizen und Kühlen ausschließlich über Geothermie ermöglicht.

TRAGWERKSPLANUNG
Gantert + Wiemeler Ingenieurplanung
Inhaber: Ulrich Wiemeler
Krögerweg 17
D-48155 Münster
Tel. +49 (0)251 / 6263 4-0
Fax +49 (0)251 / 6263 4-34
zentrale@gwiMS.de
www.gwiMS.de

BAUBEGLEITENDE AUSGRABUNGEN. Der Bauauftakt zu diesem Projekt hatte sich unerwartet schwierig gestaltet. Die im Gereich der 18.000 Kubikmeter großen Baugrube vermuteten historischen Überreste einer dem ehemaligen Herrenhaus Haus Weitmar vorgelagerten Vorburg waren in ihren baulichen Ausmaßen deutlich größer, als die zur Verfügung stehenden historischen Unterlagen hatten vermuten lassen. Trotzdem gelang es einem erfahrenen Archäologenteam in zwei Monaten und rund 2.500 Arbeitsstunden, die baubegleitenden Ausgrabungen und die umfangreiche Dokumentation der im Boden erhaltenen Überreste des Bodendenkmals durchzuführen und damit für die Nachwelt zu sichern.

Durch Umstellung der Baustellenlogistik, Änderung der Baugrubenausbildung, Einsatz von Großflächenschalung und Verlagerung der geplanten Geothermiebohrungen in die Baugrube konnte der durch die archäologischen Maßnahmen anfänglich hervorgerufene Zeitverlust kompensiert werden. 16 Monate nach Planungsbeginn wurde das Museum fertiggestellt.

FOTOS
© VERVOORTS & SCHINDLER Architekten BDA

UNTERSCHREITUNG DER BAUKOSTEN. Die Baukosten mit einer zuvor geschätzten Summe von 7,6 Millionen Euro wurden um mehr als 600.000 Euro unterschritten, was die sehr enge, vertrauensvolle und gleichzeitig konstruktive und effiziente Zusammenarbeit des Bauherrn und seiner Architekten zeigt – eine Zusammenarbeit, die zukunftsweisend für die Entwicklung derartiger Projekte werden kann, die von Bürgern maßgeblich initiiert und finanziell getragen werden. Das Museum unter Tage wird, eingebettet in die bestehenden Bauabschnitte der Situation Kunst, langfristig Bochum als lebendigem Kunststandort im Ruhrgebiet überregionale Anziehungskraft verleihen.