Bauprojekt LIBERTINE LINDENBERG Frankfurt am Main, Alt-Sachsenhausen
FOTO: Dieter Schwer, Frankfurt am Main

Bauprojekt LIBERTINE LINDENBERG Frankfurt am Main, Alt-Sachsenhausen

Collaborative Living

Individualität mit Wir-Gefühl in fiktiven und realen Geschichten
zwischen Streuobstwiesen- und Black-Hole-Interieur

FREIGEISTIGES GÄSTEHAUS-KONZEPT. Franken Architekten wurde für die Objekt- und Innenarchitekturplanung der Sanierung und Erweiterung des Gründerzeitgebäudes in der Frankensteiner Straße 20 im Frankfurter Stadtviertel Alt-Sachsenhausen beauftragt. Der gründerzeitliche Altbau wurde komplett saniert und mit einem neuen Aufzugskern im Innenhof ergänzt. Die in Teilen abgängige Natursteinfassade wurde wiederhergestellt, und die Sanierungsmaßnahmen vergangener Jahre wurden rückgebaut und an die gründerzeitliche Fassade angepasst. Die dem Objekt zugehörigen 1960er-Jahre-Bauten sind durch einen Neubau ersetzt worden, der als ein archaisches Giebelhaus ohne Dachüberstände an den Altbau andockt.

Der Ausgangspunkt des szenographischen Konzepts des LINDENBERG ist ein zusammen mit dem Team um Dr. Steen Rothenberger und der Designerin Kathi Kæppel entwickeltes Narrativ auf Basis der Biografie einer fiktiven Persönlichkeit: LIBERTINE LINDENBERG. Diese couragierte Freigeistin und offenherzige Gastgeberin hat Ihr Wohnhaus in Alt-Sachsenhausen zu einer Gästegemeinschaft umgewandelt.

FRANKEN \ ARCHITEKTEN GmbH
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KONTRASTREICHER MATERIALMIX. Alt-Sachsenhausen war nach dem zweiten Weltkrieg mit seinen traditionellen Apfelweinlokalen zu einem beliebten Ausgehviertel der amerikanischen GI´s mit vielen Jazzclubs geworden. Bis heute verschmelzen freie Liebe und Rippchen mit Kraut zu einer einzigartigen Melange aus Avantgarde und Hinterweltlertum.

In all diesem bunten Treiben mischt LIBERTINE munter mit und bietet Durchreisenden und Gestrandeten ein temporäres Zuhause. Im Geiste dieses Narratives und im Kontext von Alt-Sachsenhausen wurde das Interieur mit Liebe zum Detail gemeinschaftlich konzipiert. Es entstand ein kontrastreicher, oft auch eklektizistischer Materialmix aus strenger, multifunktionaler Einrichtung und handgefertigten Unikaten mit „Geschichte“.

FOTOS: Dieter Schwer, Frankfurt am Main

DETAILREICH UND HAPTISCH. Die detailreiche Inszenierung zeichnet sich durch haptische Materialien wie Wandtextilien, handgebrannte Leuchten und ornamentale Betonfliesen aus. Das ergänzende Artwork wurde in Editionen und Einzelanfertigungen von internationalen Designern und Künstlern als Reflexion auf den Interieur-Kontext und den Kontext von Alt-Sachsenhausen unter Leitung von Dr. Steen Rothenberger und Kathi Kæppel entwickelt: Textile Installationen, Brandritzungen und limitierte Kunstdrucke komplettieren das Storytelling.

Die zarte und pastellfarbene Verspieltheit des Hauses entstand in Gedanken an eine heimische Streuobstwiese. Vögel, Käfer, Schmetterlinge, Gräser und Äpfel bespielen die Oberflächen im ganzen Haus, sei es im geschmiedeten Eingangstor oder den handbestickten Einbauten der Zimmer.

CRAFTINESS MEETS CLEARNESS. Der Bruch des Lieblichen findet in den sogenannten »Black Holes« statt, tiefdunkle Flächen, die sich konsequent über alle Elemente der Gestaltung legen. Craftiness meets Clearness. Die »Black Holes« symbolisieren die Schatten von LIBERTINEs Vergangenheit, sentimentale Geschichten und verflossenen Lieben.

Funktional dienen die »Black Holes« zum Beispiel in den Suiten als monolithische Blöcke aus Schrank und Kitchenette. An anderer Stelle fungieren sie als Zonierung zwischen Eingang, Bad und Wohnen oder Markierung eines Übergangs im Treppenhaus.

FOTO: Dieter Schwer, Frankfurt am Main
FOTO: Eibe Sönnecken

REFERENZ AN DEN GENIUS LOCI. Auch in der Fassade finden sich die »Black Holes« als Laibungen der bodentiefen, in Stahlgewände eingefassten Fenster und der Eingangstür, die die historische Natursteinfassade des Altbaus durchstanzen. Die Fassade des Neubaus wiederum referenziert an den Genius Loci mit einem Ornament eines durch einen Computeralgorithmus verzerrten Rautenmotivs im Anklang an die lokaltypische Struktur des »Gerippten« Apfelweinglases.

Die Fassade wurde in der gleichen von Franken Architekten entwickelten Technik wie die Fassade des in der Nachbarschaft gelegenen Hauses Kleine Rittergasse 11 desselben Bauherrn gefertigt. Für die Umsetzung in Putz wurde das digital erzeugte Muster in Granulatplatten gefräst, welche direkt auf ein Wärmedämmverbundsystem geklebt werden. Die Rautenstruktur setzt sich in den Fensterbrüstungselementen fort und findet sich auch als grafisches Element im Interieur Design und den künstlerischen Arbeiten von Kathi Kæppel wieder.

AUSGEWÄHLTE, AN DIESEM BAUPROJEKT
BETEILIGTE FIRMEN:


BRANDSCHUTZPLANUNG
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MULTI-BIOGRAPHISCH. LIBERTINEs Geschichte ist ein Spiel mit vermeintlichen Realitäten und wird durch seine Bewohner neue Facetten eingeschrieben bekommen. Bewohner, deren Biografie heute oft multigraphisch wird und sich durch Diskontinuität und Brüche auszeichnet.

LIBERTINE LINDENBERG erstreckt sich über sieben Etagen. Im Untergeschoss befinden sich ein Tonstudio, das die Türen für gemeinsame Jam Sessions, Konzerte und Filmvorführungen öffnet, sowie ein Turnstudio. Im Erdgeschoss liegen Büroflächen und ein Wohnzimmercafé zur internen und halböffentlichen gastronomischen Nutzung. Im Dachgeschoss befindet sich eine Gemeinschaftsküche, eine Vorbereitungsküche für Events, ein Esszimmer mit pittoreskem Blick über die verwinkelten Dächer von Alt-Sachsenhausen und das LEKKER Tante-Emma-Lädchen, in dem sich die Hausbewohner kulinarisch versorgen können. Über die Etagen verteilt gibt es 27 Ein- bis Drei-Zimmer-Suiten, sechs davon erstrecken sich im Neubau als Maisonetten über zwei Geschosse.

SHARENESS IM REALEN RAUM. Das LIBERTINE LINDENBERG reflektiert den gesellschaftlichen Bedarf nach gemeinschaftlichem Wohnen und Arbeiten. Der Anstieg der Einpersonenhaushalte führt zu einer zunehmenden Isolation und vermehrtem Verlangen nach Gemeinschaft, welches mit diesem flexibel gestaltbaren Wohnkonzept, das sich den aktuellen Lebenssituationen seiner Bewohner anpasst, erfüllt wird.

LIBERTINE LINDENBERG verwirklicht Collaborative Living und überträgt den Shareness-Gedanken, die Kultur des Tauschens und Teilens, in den realen Raum. Damit schafft es eine neue Wohnqualität mit dem »Wir-Gefühl«, erhält aber parallel die Möglichkeit zur Individualität und meistert damit den schmalen Grat zwischen Geselligkeit und Intimität. Partizipativ und lässig exklusiv. Dieses außergewöhnliche Projekt wird dazu beitragen, die Lebens- und Aufenthaltsqualität im Stadtquartier zu steigern und Alt-Sachsenhausen neuen Charme zu verleihen.

FOTOS: Dieter Schwer, Frankfurt am Main