Bauprojekt KulturWerk und Musikschule Norderstedt

Bauprojekt KulturWerk und Musikschule Norderstedt

Ein Veranstaltungsort als Schnittstelle zwischen Kultur, Wirtschaft und Natur

Veranschaulichung der Geschichte des Kiesabbaus und der Steinproduktion

KULTURWERK NORDERSTEDT. Das KulturWerk Norderstedt möchte die verschiedenen, über die gesamte Stadt verteilten Kultureinrichtungen der Stadt an einem Ort zusammenzuführen. Mit der Umnutzung des alten Kalksandsteinwerks sollte ein ganz besonderer Veranstaltungsort geschaffen werden. Ein Ort, der neben dem kulturellen Austausch auch seine Geschichte des Kiesabbaues und der Steinproduktion, sichtbar macht und erlebbar werden lässt.

Auch aus architektonisch, konzeptioneller Sicht spielen die Historie des Kiesabbaues und die Produktionsabläufe der Steinherstellung eine besondere Rolle. So sollen Ursache und Wirkung der Kiesgewinnung auch in Zukunft nachvollziehbar bleiben. Die Menschen sollen die „Spur der Steine“ erkennen, sie sollen begreifen, dass der Kiesabbau mit dem Baggersee eine sichtbare „Wunde“ hinterlassen hat und sollen verstehen wie der Produktionsprozess im Gebäude ablief.

Die Ostwand des Kalksandsteinwerks stellt die Schnittstelle zwischen Natur und Gebäude dar. Aus der Fassade werden gelochte Kalksandsteine herausgedreht. Diese ermöglichen, dass sich die Natur des Gebäudes bemächtigen und sich eine unkontrollierte Begrünung der Fassade einstellen wird. In Absprache mit dem NABU wurden Nisthilfen für Mauersegler, Fledermäuse und Insekten in das Mauerwerk integriert.

Die Natur holt sich zurück, was ihr einst mühsam abgerungen wurde. Sinnbildlich steht für diesen ewigen Kampf zwischen Zivilisation und Natur ein Baumtrog mit einer Bergkiefer, der sich aus der betshenden Wandöffnung der früheren Förderbandebene schiebt, gleichermaßen als Zitat und Signet.

Die Nutzungsverteilung des KulturWerks ist an den früheren Produktionsablauf der Kalksandsteinfabrik angelehnt. So wurde das Herzstück der Fabrik, die ehemalige Pressenhalle, zum Veranstaltunsgssaal umgenutzt. Auch die erhöhten Revisionsbalkone sowie die Ebene der Mischen-Silos, wurden dem Saal zugeschlagen. Die Beibehaltung der von funktionalen Abläufen geprägten indiustriellen Form der Pressenhalle führte zu einem räumlich eigenwilligen und sehr markanten Veranstaltungsraum.

Die ehemalige „Verschiebebahn“ des Kalksandsteinwerks wurde zum Foyer, dem Corso, umgestaltet. Das langgestreckte Bauteil bildet einerseits die Grenze zum benachbarten Parkplatz und ist andererseits Schnittstelle für das Veranstaltungszentrum.

Die Innengestaltung des Foyers bezieht sich auf die ehemalige Funktion dieses Raumes. Analog der linearen Bewegung der „Loren-Schiebebühne“, können heute Kassen- und Bar-Tresen sowie Sitzbänke im Foyer verschoben werden. Dies ermöglich die Installation immer neuer Raumsituationen.

Doch vor allem die langgestreckte, lineare Ausrichtung des Foyers ermuntert die Besucher zum Flanieren. Der Corso des „Sich-Zeigens“ und „Gesehenwerdens“ wird zum wichtigen Moment des Abends.

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DAS ENERGIEKONZEPT DES KULTURWERKS. Es wurde ein energieoptimiertes Gebäudekonzept entwickelt, das aus einer Vielzahl regenerativer Komponenten besteht, die auf die spezifischen Gegebenheiten dieses Ortes zugeschnitten sind. Die Wämeversorgung des Gebäudes erfolgt über das Blockheitkraftwerk-Netz der Stadt. Zusätzlich wird mittels einer Aquifer-Anlage Wärmeenergie aus dem Erdinnern gewonnen. Dies war dadurch möglich, dass das Bestandsgebäude noch gültige Wasser-Linzenzen an zwei Tiefbrunnen besaß.

Um die Wärmeenergie des Brunnenwassers im Winter zu nutzen, wird mit Hilfe eines Förderbrunnens das ca. 10—13 °C warme Grundwasser aus der Erde zu einer Wärmepumpe geführt. In dieser wird dem Brunnenwasser die gespeicherte Energie entzogen. In einem geschlossenen Kreislauf wird das abgekühlte Wasser nach Durchlaufen der Wärmepumpe über einen Schluckbrunnen mit einer Temperatur von etwa 0 °C wieder in die Erde zurückgeführt.

Im Sommer entsteht in vielen Bereichen des Gebäudes eine durch Sonnenstrahlung oder Besucher bedingte Wärmelast. Diese kann gezielt durch Kühleinrichtungen mit dem Brunnenwasser abgeführt werden.

MUSIKSCHULE NORDERSTEDT. Die Musikschule Norderstedt ist ein wichtiger baulicher und funktionaler Bestandteil des KulturWerks Norderstedt. Ergänzend zum Veranstaltungszentrum soll die Musikschule als Ausbildungseinrichtung für die musikalische Früherziehung die Nutzungsfunktion „Darbietung“ des KulturWerks sinnvoll ergänzen. Als zusätzlicher Frequenzbringer wird die Musikschule das KulturWerk Norderstedt zusätzlich beleben. Mit dem Unterricht der Kinder und Jugendlichen im Kubus und der Auftrittsmöglichkeit im Veranstaltungszentrum wird die Nachwuchsgeneration auf spielerische Weise an die Musikszene herangeführt.

Der Kubus der Musikschule und das Gebäude des ehemaligen Kalksandsteinwerks bilden gemeinsam ein Gebäudeensemble, bei dem der eigenständige weiße Würfel der Musikschule der Fabrik als modernes Pendant gegenübersteht. Er verkörpert das Wechselspiel zwischen Alt und Neu und macht deutlich, dass mit der Potenberg’schen Fabrik eine Veränderung passiert ist. Er bildet den Rahmen für die unterschiedlichsten akustischen Reize und ihre jeweilige individuelle Wahrnehmung. Seine reduzierte, klare Form und Gestaltung steht für eine allgemeine und nicht von persönlichen Vorlieben geprägte Musik.

Dem im Winterbetrieb stark abgekühlten Grundwasser wird im Sommer die entzogene Wärme wieder zugeführt. Dadurch wird das Erdreich in etwa wieder auf die ursprüngliche Temperatur gebracht. Dieser Kreislauf nutzt das Medium Wasser als träge, phasenverzögernde Masse.

Das Gebäude erhält eine Hybridlüftung. Dies bedeutet, dass sämtliche Räume natürlich belüftet werden.

Für die Belüftung der Veranstaltungssäle wurde ein Quellluftsystem realisiert. Dabei wird durch einen Erdkanal aus dem Biotop frische Außenkluft angesaugt.

Auf ihrem Weg durch den Kanal wird die Frischuft vorerwärmt oder vorgekühlt. In den Sälen strömt sie über Quellluftöffnungen langsam in den Raum ein.

Die Luft wärmt sich auf und steigt nach oben. Die verbrauchte Luft wird durch thermischen Antrieb zum Schornstein geführt, durch den sie das Gebäude wieder verlässt.

Mit diesem Konzept erhält man eine natürliche Durchlüftung, die vor allem bei Klassischen Konzerten und Theateraufführungen von großem Vorteil ist: Das Hintergrundgeräusch einer mechanischen Lüftung entfällt.

Der Innenraum wird von Stützen freigehalten. Diese reihen sich entlang der Fassaden. Ermöglicht wird der stützenfreie Raum im Erdgeschoss durch zwei geschosshohe wandartige Betonträger, die die Lasten der Erdgeschoss-Decke in die Stützen an der Ostfassade abtragen. Ergänzend zu den tragenden Flurwänden erhält das erste Obergeschoss ebenfalls umlaufend Fassadenstützen. Das oberste Geschoss des Ballettsaal wird im Unterschied zu den anderen Geschossen von einer leichten Stahlkonstruktion gebildet. Schlanke Fassadenstützen tragen eine Stahl-Dachkonstruktion, die ebenfalls stützenfrei den großen Ballettsaal überspannt.

Der Kubus der Musikschule steht als gestalterischer Kontrapunkt zur Kulturfabrik. Hier eine präzise, moderne Gestaltung, dort die sichtbaren Spuren und Überreste der vormals industriellen Nutzung.

Architektonisch und in seiner Materialität soll der Neubau mit den Materialien des KulturWerks „kommunizieren“. Durch seine zeitgenössische, moderne Architektur formuliert er einen Kontrapunkt zum industriell geprägten Fabrikgebäude. Der Dialog zwischen Alt und Neu erzeugt eine gestalterische Spannung, der Besucher spürt, der Ort hat sich verändert, aus der Fabrik wurde ein Veranstaltungszentrum, ein „Haus für Alle“.

Das Gebäude der Musikschule setzt sich aus den Gebäudeteilen „Foyerspange“ und „Kubus“ zusammen. Die Foyerspange nimmt die Kontur der Verschiebebahn auf und verlängert diese über die nördliche Außenkante des Musikkubus hinaus. Der Kubus selbst ist von der Spange zurückgesetzt und als klarer Würfel konzipiert. Die Foyerspange verbindet die Musikschule mit dem Veranstaltungszentrum und ermöglicht so eine wechselseitige Nutzung der beiden Gebäudeteile.

Vom vorgelagerten Foyer erreicht man durch einen Durchgang den Treppenraum des Musikkubus’. Dieser erstreckt sich über vier Geschosse.

Im Kellergeschoss befinden sich die Musikprobenräume für elektrisch verstärkte Musik sowie Proben- und Aufnahmeräume. Im Erdgeschoss ist der große Chorprobenraum untergebracht. Im ersten Obergeschoss befinden sich sechs Musikprobenräume der Musikschule. Im zweiten Obergeschoss, mit Blick über den Stadtpark, tanzen und bewegen sich die Kinder im lichtdurchfluteten Ballettsaal.

FOTOS
Klaus Frahm, Hamburg/Börnsen

DAS ENERGIEKONZEPT DER MUSIKSCHULE. Das regenerative Energiekonzept stützt sich beim Gebäude der Musikschule in erster Linie auf ein natürliches Lüftungskonzept. Durch Schrägstellung der Fenster entsteht eine thermisch angetriebene Nachluftspülung. Diese sorgt dafür, dass über Nacht die thermischen Lasten aus dem Gebäude abgeführt werden und die Räume im Sommer nicht überhitzen.

Als Antriebsmotor für die natürliche Luftdurchströmung fungiert die Thermik im Treppenraum. Die Abströmung der Luft erfolgt über Lüftungsklappen am höchsten Punkt über Dach.

 

Die zweischalige Fassade erzeugt einen Zwischenraum, der sowohl die Abstrahlunsgverluste aus dem Gebäude als auch die Kälteeinwirkung der Athmosphäre abpuffert. Während die „Doppelfassade“ im Sommer mit den gelochten Kalksandsteinen einen stationären Sonnenschutz darstellt, fungiert sie im Winter als Kollektorfassade über Wärmestrahlung der Massebauteile.