Bauprojekt Käthe-Kollwitz-Gesamtschule Mühlenbeck

Schule neu gedacht und gebaut

Für individuelles Lernen und soziale Kommunikation

DAS LERN-BÜRO-HAUS. Der Ruf nach besserer und zeitgemäßer Bildung soll nicht nur nach aktueller Architekturmode verpackt werden. Die Sekundarstufe I – jener Zwischenbereich zwischen Grundschule und Oberstufe – wurde von FROMME + LINSENHOFF bei der Konzpierung der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule Mühlenbeck als Lern-Büro-Haus interpretiert, in dem individuelles Lernen und soziale Kommunikation einen angemessenen Rahmen und Hintergrund hat.

Gute Lernatmosphäre in emotional ansprechenden Räumen ist das Ziel. Die größeren Raumhöhen ermöglichen eine angenehmere Atmosphäre. Ein naturwissenschaftlicher Zweig mit aufwendigen Mediensystemen wurde integriert. Ein Rundbau beinhaltet die Oberstufe sowie – an herausragender Stelle am Eingang – eine zentrale Schülerbibliothek.

 

VIELSEITIGES RAUMKONZEPT. 80 Quadratmeter große Räume erlauben vielfältige Anordnung vom Gruppen- bis zum Frontalunterricht. Die runden Stützen gliedern den Raum und verbessern die statische Situation.

Bauprojekt  Käthe-Kollwitz-Gesamtschule Mühlenbeck

FROMME + LINSENHOFF
ARCHITEKTUR UND STÄDTEBAU
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Die Fensterlüftung wird durch innen liegende vertikale Lüftungskanäle ergänzt. Auf diese Weise wird die Konzentration der Schüler und Lehrer verbessert.

 

Mehrere Klassen bilden mit den Lernfluren einen Großraum mit je zwei Fluchttreppenhäusern. Dadurch können die Lernflure unterschiedlich genutzt werden: als Pausen-, Kommunikations- bzw. Gruppenraum oder als Raum zur Binnendifferenzierung.

Wegen der Großraumkonstellation zwischen zwei Treppenhäusern kann auf brandtechnisch erforderliche undurchsichtige Klassenraumwände verzichtet werden. Zwischen Klassen- und Lehrerteamräumen sowie Lernfluren sorgen Holz-Glas-Trennwände für den notwendigen Blickkontakt und erzeugen auch auf den Lernfluren eine helle und freundliche Atmosphäre.

Zentrum einer Raumeinheit aus zwei bis drei Klassen und dem Lernflur sind mächtige Säulen mit Kapitellen. Die Funktion der Säulen erstreckt sich auf die Bereiche Statik, Atmosphäre und innenseitige Lüftung.

DIE LERNSTRASSE. Die Teil-Verglasung von „Flur“-Wänden macht die beabsichtigte Raumorganisation transparent und nachvollziehbar. Architektonisch-geometrisch hervorgehoben sind die Stamm-Klassenräume. Diese Stammklassen stehen zwischen den vielfältigen Kommunikations- und Lernräumen bzw. Lernfluren.

Die Raumform korrespondiert mit dem Gruppenunterricht. Die Größe der Klassenzimmer überschreitet mit 80 Quadratmetern die übliche Norm von 60 Quadratmetern und bietet bei 24 Schülern den Platz für modernen, flexiblen Unterricht sowie den Platz für zwei Rollstuhlfahrer.

KURZE BAUZEIT. Die exakt identischen Abmessungen der Klassenräume waren hilfreich für Elementierung und Vorfertigung von Fassade und Rohbau. Die Grundkonstruktion der Klassentürme besteht aus runden Stahlbetonstützen.

Die Bedeutung der Stahlbetonstützen bei diesem Bau lässt sich wie folgt zusammenfassen: Sie sind tragendes Gerüst für die Klassenräume, gliedern die Klassenräume für den Gruppenunterricht und bilden eine „Raumschale“ innerhalb der mit neun Metern überbreiten Klassenräume.

STRINGENTE FARBGESTALTUNG. Die Farbgestaltung verdeutlicht die Entwurfsprinzipien durch farbliche Hervorhebung der Stützen in einem offenen Raumgefüge. Demgegenüber werden die Wände etc. eher hell-zurückhaltend ausgeführt. Die hellen Töne berücksichtigen auch das Gebot, die großen Raumtiefen nach Möglichkeit zu kompensieren.

Die Außenfassaden sind in zurückhaltendem Grau gehalten. Zur Belebung der Fassade erhielten einige Fensterrahmen bunte Farben aus dem ersten Bauabschnitt des Büros PetziThoss.

FOTOS
Christoph Petras, www.pr-bild.de
sowie FROMME + LINSENHOFF

DIE LERNFLURE. Jeweils zwei bis drei Klassen sind um die Lernflure gruppiert und bilden zusammen eine Einheit zwischen den brandschutztechnisch sicheren Betonwänden. Im Zentrum der Lernflure stehen dicke Betonsäulen mit ausladenden Kapitellen. Diese dicken Säulen erfüllen mehrere Aufgaben: Als hohle Säulen dienen sie der Entlüftung der Lernflure und der zusätzlichen Entlüftung der Klassenräume, mit den Kapitellen werden die großen Deckenspannweiten bei den Lernfluren überbrückt, die dicken Stützen zentrieren die eher heterogenen Zwischenräume der Lernflure (wie ein großer Baum auf einem Dorfplatz), und als Kompensation für den entfallenen zentralen Rettungsflur markieren die gereihten dicken Stützen einen zentralen Fluchtweg im Brandfall.

Die Lernflure des vorliegenden Schulbaus haben bewusst einen großen Anteil an räumlichen Erweiterungen und Nischen, um halbgeschützte Bereiche für die Sozial- und Lernkontakte zu bieten. Genutzt werden die Lernflure als Gruppenraum für binnendifferenzierten Unterricht (weniger oder stärker Begabte können dort räumlich separiert werden und über die Glaswände trotzdem in Kontakt mit den Lehrern bleiben), als Lernraum in den Pausen und Freistunden sowie als Kommunikationsraum (Schüler, die lernen, treffen auf vorbeigehende Schüler, die Fragen haben oder einfach nur reden wollen – aus solchen Gesprächen entwickeln sich Sozial- und Lernkontakte).

BELICHTUNG UND BELEUCHTUNG. Trotz der großen Raumtiefe bis zu zwanzig Metern wirken die Innenräume nicht dunkel. Einen großen Anteil an diesem Eindruck haben die glänzend ausgeführten Decken, die das Außenlicht in den Innenraum reflektieren. Der helle Fußboden, warme Farben und großzügig verglaste Wände ergänzen den Eindruck.

Die Innenbeleuchtung hilft dort nach, wo die Raumtiefe zu groß ist. Um das Lernen in den Lernfluren zu ermöglichen, haben diese Bereiche die gleiche Beleuchtungsstärke wie die Klassenzimmer.

NEUES BRANDSCHUTZKONZEPT. Beim Konzept der Lernstraße sind einige Bestimmungen der Schulbaurichtlinie nicht anwendbar. Für die von der Bauaufsicht geforderten kompensatorischen Maßnahmen wurden einige Kriterien und Maßnahmen erarbeitet.

Dazu gehören unter anderem die Ausbildung von kleineren Rauchabschnitten mit jeweiligem Zugang zu zwei Fluchttreppenhäusern sowie zusätzliche Brandmeldeeinrichtungen. Die Lernflure sind mit geringer Brandlast möbliert.

ENERGIE UND HAUSTECHNIK. Die haustechnische Planung wurde von Büro BLS Energieplan bearbeitet. Jeweils zwei der Klassenzimmerwände sind als Installations- und Schrankwände in Trockenbauweise ausgeführt. In dem fünfzig Zentimeter breiten Zwischenraum sind alle erforderlichen Installationen für die Haustechnik untergebracht. Weiterhin befinden sich in diesen „Installationswänden“ ein Waschbecken, die Garderobe und Schränke. Flurseitig befinden sich Nischen für die Schließfachanlagen der Klasse.

Ein bis zwei Wände der Klassenzimmer öffnen sich als verglaste Holzwand zum Lernflur. Diese Glaswand befördert den gewünschten Sichtkontakt zwischen Lehrern im Klassenzimmer und Schülern im Lernflur und bringen natürliches Licht und die Sicht nach außen in den Lernflur.

 

Die Holz-Glas-Trennwände bieten ausreichenden Schallschutz zu den Lernfluren. Eine Raumlüftung als Zusatz zur Fensterlüftung verbessert die Konzentrationsfähigkeit und wirkt in Zusammenhang mit Wärmetauschern energieeinsparend. Bezogen auf die Datenverkabelung für schülerbezogene PCs etc. befinden sich Bodenkanäle in der Oberseite der Betondecken.

VERTIKALE BELÜFTUNG. Die Belüftung erfolgt über Fenster und zusätzliche vertikale Lüftungskanäle. Die Lernflure werden ebenfalls durch vertikale Kanäle belüftet.

Die großen runden Stützen im Zentrum der Lernflure sorgen für eine Entlüftung der Lernflure über das Dach, wo sich die gesamte Lüftungsmaschinerie der vertikalen Lüftungskanäle befindet. Durch vertikale statt horizontaler Lüftungskanäle wurde überall eine große, angenehme Raumhöhe erzielt.

HEIZWÄRME AUS DER HOLZKESSELANLAGE. Für die Bereitstellung von Heizwärme aus regenerativen Energiequellen wurde im Rahmen des zweiten Bauabschnitts der Gesamtschule Mühlenbeck eine Holzkesselanlage in einem separaten Gebäude errichtet. Eingesetzte Brennstoffe sind Holzbrennstoffsortimente auf Basis von naturbelassenem Holz-Hackgut, beispielsweise aus Walddurchforstungsmaßnahmen und der Jungbestandspflege.

Die Holzkesselanlage nutzt den großen Waldbestand des Landkreises Oberhavel und versorgt beide Bauabschnitte der Schule für die Grundlast. Ein Gasaggregat bedient die Spitzenlast, und eine Wärmepumpe versorgt den ersten Bauabschnitt.

ELEMENTFASSADEN-SYSTEMLÖSUNG. Bei der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Mühlenbeck kam eine Elementfassaden-Systemlösung von Schüco zum Einsatz. Optisch überzeugt das System vor allem durch umlaufend gleichbleibend schmale Ansichtsbreiten von 65 Millimetern und das architektonisch interessante Design.

Die Fassade ist als vorgehängte Fassade aus Aluminiumprofilen gefertigt. Als Elementfassade wurde sie zeitgleich mit dem Rohbau erstellt. Das Metallbauunternehmen Boetker stimmte Rohbau und Elemente optimal miteinander ab.

Eine Entwicklungsaufgabe bei diesem Bauvorhaben entstand durch die sechseckigen Turmbauten. Dafür wurde eine auf die Kubatur des Rohbaukörpers angepasste Fassadenkonstruktion kreiert.

Die Klassentürme bilden sich in der Fassade nur als spitzwinklige Erker ab. Die von den auskragenden Attikaplatten abgehängten Fensterputzbalkone, die gleichzeitig als Sonnenschutz fungieren, gliedern die Außenfassade in der Horizontalen.

NATURWISSENSCHAFTLICHE FACHKABINETTE. Die Chemie-Fachkabinette sind mit einem mobilen Panorama-Abzug ausgestattet. Er unterstützt und erleichtert die Vorbereitung und Durchführung  von experimentorientiertem Unterricht durch kurze Rüstzeiten, optimale Planung und nutzerorientierte Handhabung. Auf leichtgängigen Rollen kann der fahrbare Panorama-Abzug in den gewünschten Raum transportiert und zum Gebrauch auf den sicheren Standsockel abgesenkt werden.

Die Sequenza-Schülertische verfügen über eine Funktionsschiene zum Fixieren von Versuchsaufbauten oder Flachbildschirmen. Die Experimentiertableaus machen mit wenigen Handgriffen den Schülertisch zum vielseitigen Experimentiertisch mit fixierbaren Aufbauten. Der Lehrerarbeitsplatz ist zusätzlich mit einem Stromversorgungsgerät und einer Splitterschutzwand ausgestattet.

Die Chemie-Vorbereitungsräume verfügen über eine Schrankwand mit allen erforderlichen Sicherheits- und Gefahrenstoffschränken: zum Beispiel mit dem Gefahrstoffschrank, dem Chemikalienschrank mit Giftfach sowie dem Kombinationsschrank für Laugen und Säuren. Der fahrbare Panorama-Abzug kann dort seine Parkposition erhalten.

Die Chemie-Räume sind jeweils mit einer Laborspüle ausgerüstet. Bei der Tischeinrichtung wurde auf das Konzept des Gruppenunterrichts geachtet. In den vier anderen naturwissenschaftlichen Räumen – alle fünf wurden von Hohenloher eingerichtet – erfolgte die Ausstattung mit flexiblen Trapeztischen.

FLIESEN-GALERIE. Schüler und Lehrer beteiligten sich an dem Bauprojekt mit einer engagierten, individuellen Bemalung der Fliesen. Dazu wurden weiße Fliesen mit speziellen Farben bemalt und dann in einem Brennofen gebrannt, um schließlich als Fliesengalerie in den WC-Räumen vom Fliesenleger in Absprache mit den Architekten eingebaut zu werden.

Als sich später herausstellte, dass noch Fliesen fehlten, wurden mit großer Begeisterung noch weitere bemalt. Die Aktion machte allen Beteiligten viel Spaß. Ablesbar ist das an den vielen handbemalten Fliesen, die dem Gebäude eine persönliche Note geben.

BIBLIOTHEK MIT WANDELHALLE. Die Bibliothek wurde bewusst an bevorzugter Stelle im EG in der Nähe des weiten Haupteingangs angeordnet: Besonders in der Winterzeit sind hinter der vollverglasten Rundwand die Bücherregale sichtbar.

In der Raummitte befindet sich eine große Rundbank für eine große Gruppe. Strahlenförmig sind die Bücherregale angeordnet mit Gruppentischen zwischen den Regalen.

Ein Empfangstresen erwartet die Schüler am Eingang der Bibliothek. Die Bibliothek ist als eingerückter Bau, vor der Sonne geschützt. Zwischen der Bibliothek und den großen Pfeilern ergibt sich eine verschattete Wandelhalle.

MOBILE MÖBEL. Die Möblierung berücksichtigt die Anforderungen für das Neue Lernen: Trapeztische ermöglichen eine flexible Möblierung in den Klassenräumen. Der Unterricht kann in Gruppen, als Frontal- oder als Unterricht im Kreis durchgeführt werden. Rollregale sorgen für Arbeitsmaterialien bei jeder Gruppe. Gleichzeitig können sie der zwanglosen Raumunterteilung dienen.

Tischler-Einbaumöbel sind integraler Bestandteil der Installationswände und stören nicht die Klassenräume. Alle Möbel sind beweglich – sogar in den naturwissenschaftlichen Räumen – und ermöglichen eine Berücksichtigung unterschiedlicher pädagogischer Konzepte. Alle Möbel sind einheitlich in Ahornholzdekor ausgeführt, um einen einheitlichen Raumeindruck zu fördern.