Neubau GZS - Pflegewohnhaus Simmering
FOTO: Mark Steinmetz

Neubau GZS – Pflegewohnhaus Simmering

Wohnen in Wohlfühl-Atmosphäre

Abstrakte Interpretation traditionell gewachsener Ortskerne

AUF ALLEN SEITEN VON HOHEN BAUMKRONEN FLANKIERT. Auf einem stark durchgrünten Grundstück mit gewachsenem Baumbestand im Herzen des 11. Wiener Gemeindebezirks entstand ein neues, wegweisendes Geriatriezentrum, das GZS. Das Pflegewohnhaus Simmering bietet pflege- und betreuungsbedürftigen Senioren statt des üblichen sterilen Krankenhauscharakters vergangener Tage hochqualitatives Wohnen in der Wohlfühl-Atmosphäre einer grünen Oase. Das Konzept der einzelnen Stationen orientiert sich am Bild eines gewachsenen Altstadtkerns mit unterschiedlichen und abwechslungsreichen Platzsituationen und Raumqualitäten.

Das Pflegewohnhaus befindet sich an der Dittmanngasse in unmittelbarer Nähe des Enkplatzes, dem Kern des 11. Wiener Gemeindebezirks, in fußläufiger Entfernung zu mehreren Linien des öffentlichen Nahverkehrs. Das Umfeld ist geprägt durch eine zeilenartige Wohnbaustruktur im Norden, diverse Wirtschaftsgebäude im Osten, ein städtebauliches Entwicklungsgebiet mit geplanter gemischter Nutzung im Süden und aufgelöster Blockrandbebauung im Westen. Das Grundstück selbst hatte einem verwilderten kleinen Stadtwald geglichen, der in eine Parklandschaft verwandelt wurde und dessen alter Baumbestand weitgehend in das Projekt integriert werden konnte, so dass das Pflegewohnhaus auf allen Seiten von hohen Baumkronen flankiert wird.

JOSEF WEICHENBERGER
architects + Partner

Margaretenstraße 9/3
A-1040 Wien
Tel. +43 (0)1 / 9610 245-0
Fax +43 (0)1 / 9610 245-25
office@weichenberger.at
www.weichenberger.at

KUNST (LICHT)
Friedrich Biedermann
Fasangasse 49/22
A-1030 Wien
www.friedrichbiedermann.com

MÄANDRIERENDE FASSADENBÄNDER ALS MEMORY CODE. Der lineare Baukörper differenziert sich in drei halbversetzt aufgereihte Gebäuderiegel, die sich entlang ihrer Längsachse wiederum in je drei Streifen gliedern. Zu den Stirnseiten der Riegel hin fächern sich die Streifen auf, damit das Tageslicht tief ins Innere dringen kann.

 

Das Erdgeschoss ist als zurückversetzter, verglaster Sockel ausgebildet, über den die drei Riegel auskragen. An der Nordseite ergänzt der eingeschossige, kristallin geformte Solitärkörper des Andachtsraums das Gebäude.

In der Ansicht ist der Baukörper maßgeblich geprägt durch das Wechselspiel unterschiedlicher Gesamthöhen der einzelnen Gebäuderiegel. Optisch zusammengefasst wird die vielgliedrige Erscheinung schließlich durch eine einheitliche Fassade, deren weiße, mäandrierende Bänder die einzelnen Gebäudeteile zusammenhalten. Sie bildet den “Memory Code”, der die Wiedererkennung und die Identifikation mit dem Gebäude der größtenteils dementen Bewohner unterstützen soll.

VERTIKAL GESCHICHTETES PROGRAMM. Über dem Ergeschoss, das alle öffentlichen Bereiche und Räumlichkeiten für ambulante Dienstleistungen beherbergt, folgen drei bis vier Geschosse mit je zwei bzw. vier Geriatriestationen. In der obersten Ebene befinden sich 56 Einheiten gefördertes Wohnen.

FOTO: Paul Ott

Alle Technik- und Versorgungsräume sind im Untergeschoss angeordnet, das an seiner Ostseite aus dem abfallenden Gelände herausragt und die natürliche Belichtung des Tageszentrums sowie der Küchenbereiche und Sozialräume ermöglicht. Tiefgarage und Logistikzone wurden ins Untergeschoss integriert, ihre Zufahrten unterhalb des Haupteingangs-Plateaus im Gelände versteckt.

FEINE ABSTUFUNG ÖFFENTLICHER, HALB-ÖFFENTLICHER UND PRIVATER BEREICHE. Entscheidendes Entwurfskriterium war es, den in ihrer Mobilität stark eingeschränkten Bewohnern zu ermöglichen, sich schnell in ein neues soziales Umfeld einzufinden. Sowohl die Grundrissorganisation als auch die räumlich-atmosphärische Gestaltung wurden gezielt darauf ausgelegt, Kommunikation und Interaktion zwischen den Bewohnern zu fördern und ihnen weitreichende Möglichkeiten zur Eigeninitiative und Aneignung ihrer neuen Heimat zu eröffnen. Natürlich kann gerade für alte Menschen eine verlorengegangene Dorf-, Stadtteil- oder Hausgemeinschaft nicht allzu einfach ersetzt werden, und entsprechend groß war die Bedeutung, die gerade diesem Aspekt im Entwurfsprozess beigemessen wurde.

Das Leitmotiv, das sich durchs Gebäudeinnere zieht, ist eine abstrakte Interpretation des traditionell gewachsenen europäischen Stadt- oder Ortskerns mit seiner komplexen Struktur, seinen Plätzen, Gassen und Winkeln. Dabei geht es nicht um irgendeine Form ästhetisierter Mimikry, sondern vielmehr um die differenzierte, feine Abstufung öffentlicher, halb-öffentlicher und privater Bereiche und deren fließendes Ineinandergreifen.

BALKONE UND TERRASSEN MIT BLICK IN DIE PARKLANDSCHAFT. Die einzelnen Stationen entwickeln sich aus der bereits erläuterten Dreiteilung der einzelnen Gebäuderiegel, wobei sich in den beiden äußeren Streifen entlang der Längsfassaden die einzelnen Zimmer aufreihen, während die Mittelzone Erschließung und Nebenräume beherbergt. Indem diese als verschieden große Inseln ausgebildet wurden, ergeben sich vielfältige, gewollt redundante Erschließungsschleifen.

FOTO: Armin Plankensteiner – KUNST (LICHT): Friedrich Biedermann

Es wurde besonders darauf geachtet, dass in diesem Netz aus “Gassen” und “Wegen” keine Sackgassensituationen entstehen, was bei Demenzpatienten leicht zu Panikreaktionen führen könnte. Zu den Stirnseiten der Stationsriegel hin weiten sich die Mittelzonen auf und gehen schließlich durch raumhohe Verglasung in Balkone und Terrassen über, die großzügige Blicke in die umgebende Parklandschaft freigeben.

LEBHAFTE PLÄTZE UND RUHIGE WINKEL. Diese aufgeweiteten Enden beherbergen die “Tagräume”, also die Gemeinschafts- und Sozialbereiche der Stationen, in denen sich das Inselmotiv fortsetzt – jedoch nicht als geschlossene Räume, sondern in Form von halbhohen oder offenen Elementen, als Theken, Küchenzeilen, Essbereiche, Sitzgruppen, Leseecken oder verglaste Schaukästen, den sogenannten “Inszenierungen”, die als Blumarium, Aquarium oder Steingarten teilweise über zwei Etagen reichen.

Auch bei den tiefer im Gebäude liegenden, geschlossenen Inseln wurde auf Aneignungs- und Interaktionsmöglichkeiten durch die Bewohner geachtet. So finden sich über die ganze Station verteilt kleine, in die Nebenraumwände eingelassene Sitznischen oder Bücherregale. Die Bewohner können selbst entscheiden, ob sie lieber am Leben auf den “Plätzen” und “Kreuzungen” der Station teilnehmen oder in einer “Nebenstraße” ein ruhigeres Plätzchen bevorzugen.

BALANCE ZWISCHEN GEMEINSCHAFTSLEBEN UND INDIVIDUELLEM FREIRAUM. Die konventionelle Ordnung privates Zimmer/zweckmäßiger Gang/abgeschlossener Gemeinschaftsraum herkömmlicher Pflegeheime wird durchbrochen und durch ein graduell abgestuftes und weitgehend durch die Bewohner selbst bestimmtes Modell abgelöst. Dieses Konzept beschränkt sich nicht auf die Gemeinschafts- und Sozialbereiche, sondern wurde bis in die einzelnen Patientenzimmer weitergedacht. Dabei war es entscheidend, eine feine Balance herzustellen zwischen der starken Betonung des gemeinschaftlichen Stationslebens und dem Bedürfnis nach Rückzug, Ruhe und individuellem Freiraum.

FOTO: Paul Ott
FOTO: Armin Plankensteiner – KUNST (LICHT): Friedrich Biedermann

FOTOS
Paul Ott
Kernstockgasse 22/24/III
A-8020 Graz
Tel. +43 (0)316 / 8905 31
office@paul-ott
www.paul-ott.at

Mark Steinmetz
Preßgasse 28/10
A-1040 Wien
mail@mark-steinmetz.de

Armin Plankensteiner
Dietrichsteingasse 6/5
A-1090 Wien
a.plankensteiner@gmx.at
www.argos.tv

Die einzelnen Zimmer orientieren sich in zwei Richtungen. Zum einen öffnen sie sich großzügig nach draußen in den alten Baumbestand, die Parkanlage und die Simmeringer Dachlandschaft – jedes Zimmer verfügt über eine Loggia. Zum anderen gibt es jeweils ein großes Fenster nach innen, in die “Gassen” und “Straßen” der Station, welches die Bewohner aber jederzeit blick- und lichtdicht verschließen können.

Die Zimmertüren sind in Zweiergruppen aus dem Gang zurückversetzt und bilden zusammen mit den Innenfenstern jeweils einen kleinen Vorplatz vor den Zimmern als verlängerte Türschwelle. Ganz bewusst wurde hier in abstrahierter Form mit den Themen Hof, Hausbank und Garten gespielt. So entsteht eine Art “Adressbildung” innerhalb der Stationen, die die leblose Nummern-Anonymität eines typischen Krankenhauskorridors überwindet.

Im Erdgeschoss – und damit in den öffentlichen Bereichen des Pflegewohnhauses – wird erneut das Stadtmotiv der Stationen mit seinen Archipelen aufgegriffen, wenngleich in größerem Maßstab. Der zentrale Gebäudeteil beherbergt neben dem Haupteingang das großzügige Foyer mit Empfang, kleinen Geschäften, einem Café und dem Personalrestaurant mit angeschlossenem Außenbereich. An der Nordfassade, zum Park hin orientiert, ist dem Gebäude ein multireligiöser Andachtsraum vorgesetzt, der als kristalliner Betonkörper ganz bewusset mit der Formensprache des restlichen Gebäudes bricht. Im östlichen Gebäudeteil schließt sich ein großer Veranstaltungsraum an das Foyer an, während der westliche Gebäuderiegel im Erdgeschoss ein eigenständiges Therapie- und Behandlungszentrum beherbergt.

Die Fassadengestaltung löst sich vollständig von der Tektonik des Gebäudes. Sie greift die gestalterische Grundidee des Innenraums auf und verbindet ausdifferenzierte Kleinteiligkeit in einem einheitlich zusammenhängenden Gesamtbild. Dabei wurden weiße Vollwärmeschutzbänder mit Tonziegeln kombiniert.

FOTO: Porr AG

PARK UND PARTERRE ENG VERZAHNT. Die Parkanlage und das verglaste Erdgeschoss konnten auf vielfache Weise miteinander verzahnt werden. So wird durch den nach Süden versetzten Mittelriegel der Park im Norden über einen großteils gedeckten Hof tief ins Gebäudeinnere gezogen.

Auf funktionaler Ebene verklammern Café, Speiseterrasse sowie eine Aussichtsebene auf der Nordseite der ersten Etage Innen und Außen. Ebenfalls im ersten Obergeschoss befinden sich zwei “Demenzterrassen”. Diese einmal nach Norden, einmal nach Süden gerichteten Außenbereiche dienen jenen Patienten als offene Gartenbereiche, denen eine unbeaufsichtigte Nutzung der Parkanlage nicht mehr zugemutet werden kann.

Bereits kurze Zeit nach der Eröffnung und dem Einzug der ersten Bewohner ins Pflegewohnhaus Simmering zeigt sich, dass das reiche Potential der Raumaneignung und Personalisierung tatsächlich enthusiastisch angenommen wird.

FOTO: Paul Ott

PLATZSITUATIONEN UND ERLEBNISPUNKTE AUSSEN WIE INNEN. Auf der Eingangsseite – im Süden – wurden die Außenanlagen als urbaner Grünraum gestaltet. Auf der Nordseite findet sich eine Gartenlandschaft mit Parkcharakter.

Beide Seiten stützen sich maßgeblich auf den vorhandenen, alten und somit bereits hochgewachsenen Baumbestand. Die Erschließung und Zonierung der Parkanlage folgt erneut dem in den Stationen und im Erdgeschoss angewandten Prinzip des Ausprägens von Platzsituationen und Erlebnispunkten, die durch das Aufweiten, Verjüngen und Kreuzen von Wegen entstehen. Folglich finden sich auch im Außenraum erneut mehrfach überlagerte, geschlossene (Endlos-)Wegschleifen, wobei hier ebenfalls großer Wert auf die Vermeidung von Sackgassen gelegt wurde.

FOTO: Porr AG