Erweiterung Kindergarten Maria Anzbach

Erweiterung Kindergarten Maria Anzbach

Vorbildlich in architektonisch-städtebaulicher Sicht und in der Nachhaltigkeit

Ausgezeichnet mit dem BAU.GENIAL Preis und dem Niederösterreichischen Holzbaupreis

ANGELEHNT AN BESTEHENDE BAUSTRUKTUREN. Auf Grund der steigenden Zahl an Kleinkindern in Maria Anzbach und gesetzlicher Vorgaben bestand ein Erweiterungsbedarf des Kindergartens um einen Gruppen- und Bewegungsraum einschließlich Nebenräume. In Anlehnung an bestehende Baustrukturen und deren Materialisierung in unmittelbarer Umgebung wurde die für die Erweiterung erforderliche Baukubatur maßstabsgerecht an Stelle eines am Grundstück befindlichen ungenutzten Nebengebäudes eingefügt.

Einer intensiven Planung folgte eine rasche Umsetzung des Baus, um die eingeschränkte Nutzung des Gartenbereichs während der Bauzeit kurz zu halten. Durch die räumliche Anordnung von Erweiterungsbau, Verbindungsspange und neuem Nebengebäude konnte, unter Rücksichtnahme auf den markanten, identitätsstiftenden Nussbaum, die Forderung des Kindergartens nach einer zentralen, geschützten und überschaubaren Zugangssituation für alle Gruppen verwirklicht werden.

FLIESSENDES RAUMKONTINUUM. Über den zentralen "Spiel-Hof" gelangt man zum neuen Hauptzugang des Kindergartens. Ein weit ausladendes Vordach über die Gesamtlänge des Verbindungsganges bietet Schutz vor Bewitterung und Sonne, schafft aber auch eine imaginäre Schwelle zwischen Außen und Innen, welche dem Betreten des Gebäudes noch mehr Bedeutung verleiht.

Durch eine einheitliche Material- und Oberflächenwahl für Boden, Decke, Wände und Möblierung wurde ein fließendes Raumkontinuum geschaffen, welches nur minimal durch notwendige, transparente Raumabschlüsse gegliedert wird. Funktionsbereiche fließen ineinander über, lösen Raumgrenzen auf und regen die Kinder dazu an, das Gebäude als Ganzes zu nutzen und zu begreifen.

Die gestalterische Verschränkung von abgehängter Lamellendecke und Stiegenkonstruktion, kombiniert mit einer gezielten Lichtführung über Oberlichtern im extensiv begrünten Pultdach, leitet und erweitert dieses Raumerlebnis ins Obergeschoss und bindet diese Bereiche auf selbstverständliche Weise an.

Hagmüller Architekten ZT-GmbH
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JUST IN TIME. Die Umsetzung des Bauvorhabens erfolgte zum Großteil über Leistungserbringung vor Ort. Eine in der Planungsphase mit dem ausführenden Holzbaubetrieb in Erwägung gezogene Vorfertigung hätte keine nennenswerten Vorteile oder Einsparungen erbracht, jedoch gewisse Detailausbildungen erschwert.

Der Zuschnitt der Brettsperrholzelemente erfolgte laut Planmaß beim Erzeuger und wurde nach Bauzeitplan just in time angeliefert und unmittelbar per Mobilkran versetzt und verbunden. Nach drei Tagen war der Rohbau inklusive Notabdichtung aufgesetzt.

Durch die Vergabe eines Großteils der Leistungen an die ausführende Holzbaufirma war ein schneller, kontinuierlicher Bauablauf gegeben. Nach dem provisorischen Schließen der Fassadenöffnungen konnte umgehend mit den Ausbauarbeiten begonnen werden.

AUSGEWÄHLTE, AN DIESEM BAUPROJEKT
BETEILIGTE FIRMEN:


STATIK

Dipl. Ing. Alexander Litschauer
www.solutionpossible.at

Parallel mit dem Einbau der Fenster wurde die Fassade aufgebaut. Nach sechs Monaten Bauzeit ab Fundamentplatte konnte die Erweiterung an die Nutzer übergeben werden.

GRUPPENRAUM UND BEWEGUNGSRAUM. Der Kindergarten liegt direkt am Hauptplatz von Maria Anzbach. Er ist ein wichtiger Bestandteil des Ortszentrums.

Der zweigeschossige Erweiterungsbau umfasst im Erdgeschoss einen Gruppenraum mit Kletterinsel sowie eine Garderobe, Sanitärbereiche und eine Teeküche. Im Obergeschoss befindet sich ein multifunktionaler Bewegungsraum mit Garderobe, ein Personal- und Besprechungsraum sowie ein WC-Raum.

EIGENSTÄNDIGES VOLUMEN. Das neue Gebäude setzt sich bewusst als eigenständiges Volumen vom Bestand ab, ist jedoch durch einen einseitig verglasten Gang mit dem Bestand verbunden. Diese Verbindungsspange übernimmt auch die Aufgaben Eingang mit Windfang, Garderobe und gruppenübergreifende Begegnungszone in Form einer Kinderbibliothek.

Die Baukörperanordnung schafft eine geschützte Hofsituation, welche durch einen sickerfähigen Belag ganzjährig als Freibereich genutzt werden kann. Der große Nussbaum ist der Identifikationspunkt des Kindergartens, stellt ein "schützendes Dach" im Freien dar und als "Lebensbaum" ein Symbol für gesundes und kräftiges Wachstum.

NATÜRLICHE HAPTISCHE QUALITÄT. Die Erweiterung soll sowohl in architektonisch-städtebaulicher Sicht als auch im Sinn einer nachhaltigen Bauweise als Vorbild innerhalb der Gemeinde wirken. Die Umsetzung dieser Ziele in kurzer Bauzeit führten fast zwingend zum Entschluss, in "trockener" Holzbauweise, konkret in massiver Fichten-Brettsperrholzbauweise, zu bauen. Das Gebäude trägt über das verbaute Holzvolumen dazu bei, rund 90 Tonnen Kohlenstoffdioxid langfristig zu binden.

Bei der Materialisierung wurde bewusst die natürliche haptische Qualität der Materialien beibehalten. Beim Großteil der Innenwände wurden die konstruktiven Brettsperrholzplatten (BSP) sichtbar belassen und weiß lasierend abstrahiert.

Die großzügigen Fenster ermöglichen eine direkte Wahrnehmung des Gartens und schaffen großzügige, von Licht durchflutete Räume, welche gezielt in Größe und Form nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind und einen fließenden Übergang zwischen Innen und Außen ermöglichen. Die wiederkehrende Leitfarbe Gold spiegelt den Gedanken wider, dass unsere Kinder die Zukunft, das "Gold" unserer Gesellschaft sind. 

FOTOS
Franz Ebner
Burggasse 28–32
A-1070 Wien

STAHLBETON UND BRETTSPERRHOLZ. Gemäß den genannten Zielvorstellungen und aufgrund der Brandschutzvorschriften wurde der Erweiterungsbau in Mischbauweise erstellt. Wegen eines nicht tragfähigen Baugrundes ist das Gebäude auf einem achtzig Zentimeter hohen Stahlbetonrost mit drei Meter tiefen Fundierungspfeilern gegründet. Der Rostzwischenraum wurde 55 Zentimeter hoch mit Glasschaumschotter als Wärmedämmung verfüllt.

Die Wand zur Grundstücksgrenze wurde aus bis zu 6,25 Meter hohen Stahlbeton-Hohlwandelementen ohne Horizontalfugen erstellt. Bei der Produktion wurden auf der Wandinnenseite gebürstete Fichtenbretter in gleicher Breite wie bei der Fassade in die Schalung eingelegt. Dieser "Holzabdruck" verleiht dem harten Beton eine weiche, samtige Oberfläche, harmonisiert diesen mit dem lasierten BSP und lässt das Thema Holz materialübergreifend in Erscheinung treten.

Den Wärmeschutz außen übernehmen zwanzig Zentimeter dicke Mineralfaser-Dämmplatten mit Putzoberfläche. Alle weiteren Last tragenden Wände und Decken wurden in BSP ausgeführt, wobei die einzelnen Platten, den statischen Anforderungen entsprechend, unterschiedliche Stärken aufweisen und auf Abbrand berechnet wurden. Eine Wandoberfläche – die "Schauseite" – wurde in Wohnsichtqualität weiß lasiert ausgeführt.

STRINGENTE KONZEPTUMSETZUNG. Diese Plattenbauweise resultiert auch aus einer stringenten Umsetzung des Gestaltungskonzepts, einem Wechselspiel aus raumhoch geschlossenen oder offenen Wandbereichen. Dieses Prinzip ermöglichte es, annähernd ohne Plattenverschnitt das Auslangen zu finden. Die versetzte Anordnung der Wandflächen gestattet darüber hinaus die sturzlose Ausbildung breiter Fensteröffnungen, indem die Geschossdecke auf die darüber befindlichen Wandscheiben aufgehängt wird.

Der hinterlüftete Außenwandaufbau besteht aus tragenden BSP, einer mineralischen Wärmedämmschicht, einer Windbremse und einer vertikalen Nut-Feder-Lärchenholzschalung mit Feinsägeschnitt. Die Bretter haben drei verschiedene Breiten und zwei Stärken und sind mit einem Vorvergrauungsanstrich in zwei Tönungen lasiert.

FUSSBODENHEIZUNG UND KOMFORTLÜFTUNG. Die Kindergartenerweiterung wurde entsprechend den Richtlinien des Landes Niederösterreich im Niedrigenergiehausstandard errichtet. Die Wärmeversorgung der für die Raumheizung installierten Fußbodenheizung erfolgt über die bestehende Gaskesselanlage im Altbau, welche in den nächsten Jahren durch den Anschluss an das geplante Nahwärmenetz mit Hackgutzentrale abgelöst werden soll.

Eine gleichbleibend gute Raumluftqualität ist durch den Einbau einer Komfortlüftungsanlage mit Wärme- und Feuchterückgewinnung sichergestellt. Dies reduziert einerseits Heizenergiekosten und andererseits die Spreizung der jahreszeitlich bedingten Unterschiede der relativen Luftfeuchtigkeit und verringert somit das Quell- und Schwindverhalten des Holzes.

Das Auftreten sommerlicher Überwärmungseffekte wird durch den Einbau außenliegender Beschattungseinrichtungen an den relevanten Fensteröffnungen minimiert. Des weiteren wurde ein per Zeitschaltuhr gesteuertes natürliches Lüftungskonzept für das Nachströmen kühler nächtlicher Außenluft installiert.

Mittels motorisch betriebener Kippflügel an den Oberlichtern der Fenster und den ebenfalls motorisch zu öffnenden Dachflächenfenstern kann über den Kamineffekt ein wirkungsvoller Luftaustausch stattfinden und die erwärmte innere Baumasse gekühlt werden. Durch Wind- und Regensensoren ist ein automatisches Schließen der Öffnungen bei Bedarf gewährleistet.

AKUSTIKVLIES UND LED-LEUCHTEN. Raumakustik und -beleuchtung wurden im gesamten Erweiterungsbau einheitlich durch die Installation einer abgehängten Holzlamellendecke aus sechs Zentimeter breiten, weiß lasierten Fichtenholzlamellen mit Akustikvlies und Hohlraumbedämpfung funktional und gestalterisch gelöst. Die unterschiedlich langen, aber der Lamellenbreite entsprechenden Leuchten in LED-Technik mit Opaldiffusor wurden bündig mit der Deckenunterkante eingebaut und in freier Anordnung entsprechend der geforderten Beleuchtungsstärke versetzt.

Inzwischen ist das Gebäude gleich zweifach prämiert worden. Bei den Auszeichnungen handelt es sich um den BAU.GENIAL Preis 2015 (einen von zwei ersten Preisen) sowie den Niederösterreichischen Holzbaupreis 2016 im Bereich Um-Zubau.