Ausbau Goethe- und Germaniastraße Kassel
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Ausbau Goethe- und Germaniastrasse Kassel:

Aus Hauptverkehrsstraßen wurden attraktive Freiräume und Stadtplätze.

Ausgezeichnet mit dem Sonderpreis des Deutschen Städtebaupreises.

SICHTACHSE IN SZENE GESETZT. Mit der Neugestaltung der Goethe- und Germaniastraße wurden im hochverdichteten Gründerzeitviertel Vorderer Westen von Kassel zwei innerstädtischen Hauptverkehrsstraßen zu wohnungsnahen Freiräumen und attraktiven Stadtplätzen umgebaut und in den Stadtraum integriert. Wo vorher Verkehrs- und Abstandsflächen domierten, werden nun den direkten Anwohnern, den Gastronomen und Geschäftsleuten, dem gesamten Quartier mit seinem weiteren Einzugsbereich wieder attraktive und belastbare urbane Lebensräume zur Verfügung gestellt.

PLF Planungsgemeinschaft
Landschaft + Freiraum GbR

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Oppermann Ingenieure, Vellmar


SHP Ingenieure, Hannover

 

(Arbeitsgemeinschaft)

 

 

BAUHERR
Stadt Kassel

In Anlehnung an den historischen Kaiserplatz wurden die Flächen neu geordnet. Es entstand eine rund 16 Meter breite und 330 Meter lange Promenade mit zwei kleineren Stadtplätzen.

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Die von Sigmund Aschrott, dem Gründer und Erbauer des Vorderen Westens, geplante Sichtachse zum Herkules, dem Kasseler Wahrzeichen, wird über zwei neue spezielle Einbauten in Szene gesetzt: So liegen die Stahlskulptur an der Kreuzung zur Murhardtstraße, die grüne Lichtstele am Rudolphsplatz und der Herkules auf einer Linie.

FOTO: Anke Hunrath, PLF
FOTO: Robert Bischer, PLF

STÄDTEBAULICHE WOHNUMFELDVERBESSERUNG. Der Bereich Goethe- und Germaniastraße bildet zusammen mit der Friedrich-Ebert-Straße das Kernstück des Vorderen Westens, eines beliebten Wohnviertels mit attraktiven Büro- und Geschäftslagen. Der strukturelle Wandel im Dienstleistungssektor und der Verlust sehr vieler Arbeitsplätze im Quartier war Auslöser für einen zunehmenden Leerstand von Einzelhandelsgeschäften und Büroflächen sowie einer hohen Fluktuation und Umstrukturierung der lokalen Branchen.

Das „Abbröckeln“ dieser funktionalen Bedeutung wurde begleitet durch ein sichtbares Veröden des öffentlichen Raumes und der stadträumlichen Gestaltqualität. Die nachlassende Aufenthaltsqualität im Quartier hatte schließlich auch Auswirkungen auf den vormals begehrten Wohnstandort.

Neben der Schaffung von hohen Qualitäten in Städtebau und Freiraum werden die Belange aller Verkehrsarten angemessen berücksichtigt. Durch die klare und eindeutig definierte Gliederung des Straßenraumes ist eine sehr gute, sichere und mobilitätsbehindertengerechte Überquerung der Fahrbahn für Fußgänger gewährleistet. Die Radverkehrsführung ist differenziert und zeichnet sich durch eine hohe Sicherheit und gute Sichtbeziehungen zum Kfz-Verkehr aus.

Die Straßenbahn, signaltechnisch bevorzugt, durchfährt die Goethe- und Germaniastraße jetzt als Pulkführer. Barrierefreie Kap-Haltestellen an den Gehwegen gewährleisten den Fahrgästen von Tram und Bus ein sicheres Ein- und Aussteigen. Bei allen Verbesserungen für den ÖPNV, für den Radverkehr und für die Fußgänger bleibt auch für den Kfz-Verkehr die Leistungsfähigkeit der Straßen erhalten.

PROMENADE. Der als Promenade ausgebaute nordseitige Straßenraum ist das Kernstück der städtebaulichen Wohnumfeldverbesserung für die Goethestraße und das angrenzende Stadtquartier. Durch den Umbau sind in dem besonnten, südexponierten Straßenraum urbane Freiflächen mit hoher Nutzungs- und Aufenthaltqualität für Passanten, Geschäftsanlieger und Bewohner des stark verdichteten Stadtquartiers entstanden. Die Verlegung der Fahrbahn und die Stärkung der Gebäudevorzonen mit einem einheitlichen Gestaltungskonzept hat die Wohn- und Aufenthaltsqualität nachhaltig verbessert und einen attraktiven urbanen Stadtraum geschaffen.

Im südlichen Straßenraum wird nun der motorisierte Individualverkehr und der ÖPNV jeweils auf einer gemeinsamen Fahrspur geführt. Die Anzahl der öffentlichen Parkplätze bleibt durch die Optimierung der Flächen unverändert bei 220.

Die befestigten Flächen der Promenade sind ebenso wie die übrigen Gehwegflächen, entsprechend der einheitlichen Gestaltung im Kasseler Westen, mit Betonplatten im Diagonalverband befestigt. Für Läufer, Einfassungen, Traufstreifen und Stellplätze wurde das vorhandene Basaltpflaster wiederverwendet.

Die Baumscheiben um die Bestandslinden innerhalb der Promenade sind mit sitzhohen Betonelementen eingefasst. Zwischen den Baumstandorten sind ergänzende Ausstattungselemente wie Mastleuchten, Bänke, Fahrradständer und einzelne Kleinspielgeräte angeordnet.

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RUDOLPHSPLATZ. Am westlichen Rand der Promenade ist durch die geänderte Verkehrsführung der einmündenden Seitenstraßen der Rudolphsplatz als städtischer Freiraum neu entstanden. Die gestalterische Neuordnung dieser Flächen war mit Blick auf das städtebauliche Umfeld und die weitere Quartiersentwicklung von besonderer Bedeutung.

Zusammen mit Anliegern und den im Quartier tätigen Akteuren wurden Nutzungs- und Gestaltungsvorschläge in einem gemeinsamen Workshop erarbeitet und in der weiteren Planung umgesetzt. Entstanden ist dabei ein Aufenthaltsbereich, der als Bühne für vielfältige städtische Nutzungen zur Verfügung steht.

Der Rudolphsplatz bildet mit seiner Gestaltung und Funktion den Kopf der anschließenden Promenade und liegt zudem in einer Sichtachse, welche in Verlängerung der Goethestraße auf das Herkules-Denkmal trifft, dem an der Spitze des Bergparks Wilhelmshöhe platzierten Wahrzeichen der Stadt. Mit der Umgestaltung der bisherigen Verkehrsfläche als Platzfläche und der Anordnung einer sieben Meter hohen Lichtstele, die auf den Herkules weist, wird die Sichtachse inszeniert und damit die historische Planung für diese Straße erlebbar gemacht.

DR.-LILLI-JAHN-PLATZ. Die Gestaltung des Dr.-Lilli-Jahn-Platzes schuf Aufenthaltsflächen und lässt durch ihre Zurückhaltung die historische Verkehrsfläche sichtbar werden. Im Kreuzungsbereich von Germania- und Herkulesstraße wurde die Fahrbahnfläche auf das erforderliche Minimum reduziert. Zwischen den beiden Einmündungen ist dadurch eine Platzfläche für wechselnde Nutzungen durch die im Quartier ansässigen Akteure entstanden. Eine der Örtlichkeit angepasste Rundbank entlang der Bordanlage lädt dort zum Verweilen ein.

Die Platzfläche wird zur Fahrbahn hin durch Sitzpoller abgegrenzt, die das Befahren unterbinden. Im Einmündungsbereich der Lassalle- bzw. Herkulesstraße wurde eine Fußgängerlichtsignalanlage errichtet, um das gesicherte Queren der Germaniastraße in diesem Bereich zu gewährleisten.

Das Gestaltungskonzept für den Dr.-Lilly-Jahn-Platz ist ebenfalls in einem Workshop mit örtlichen Akteuren entstanden. Aufgrund der Randnutzungen mit der Adventskirche, dem Café BuchOase, einem italienischen Restaurant und einer Weinhandlung wurde die Platzfläche bewusst nutzungsoffen mit einer prägnanten Pflasterung erstellt. Durch wechselnde, attraktive Randnutzungen soll dort der Straßenraum insgesamt belebt werden.

Der Ausbau der Goethe- und Germaniastraße wurde mit dem Sonderpreis des Deutschen Städtebaupreises 2014 ausgezeichnet.

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