Bauprojekt Abteilung Tafelbild- und Buchmalerei der Früh-Renaissance im Historischen Museum Regensburg:

Die umgebaute und neu gestaltete Ausstellungsarchitektur wurde mit dem Heinze Architekten AWARD in der Kategorie Kulturbauten ausgezeichnet.

Der Besucher durchwandert die Ausstellungsräume, als ginge er durch das Buch selbst.

Bauprojekt Abteilung Tafelbild- und Buchmalerei der Früh-Renaissance im Historischen Museum Regensburg

Tillmann Wagner Architekten
Choriner Straße 85
D-10119 Berlin
Tel. +49 (0)30 / 4435 879-4
Fax +49 (0)30 / 4435 879-6
tillmann-wagner.arch@snafu.de

Inhaltliche wie grafische Verzahnung und gegenseitige Ergänzung von Bild und Schrift in der Buchmalerei bilden die konzeptionelle Basis der Ausstellungsarchitektur. Eingestellte, figurative Raumkörper („Buchkreuze“) wechseln mit von ihnen geprägten Raumpassagen dazwischen ab – ihr Verhältnis entspricht dem von Bild und Text in der Buchmalerei. Die Ausstellungsarchitektur übersetzt die Struktur ihres kleinmaßstäblichen Sujets in einen körpernahen Maßstab: Der Besucher durchwandert die Ausstellungsräume, als ginge er durch das Buch selbst, das ihm wechselnde Perspektiven von Passagen und Orten (Text und Bild) bietet.

RAUM-BUCH. Gefordert war eine Gesamtkonzeption, die im Historischen Museum Regensburg durch klare Raumgliederungen und weitere Gestaltungsmaßnahmen eine attraktive Hinführung zur Sammlung der Tafelbild- und Buchmalerei der Früh-Renaissance im 2. Obergeschoss und darin einen geführten, kreuzungsfreien Rundgang gestaltet, auf dem sehr unterschiedliche Exponatgenres für ein breites Publikum attraktiv präsentiert werden.

Diese intensive Wechselwirkung zwischen Kunstwerk und Baugestalt ist das Leitmotiv der Ausstellungsarchitektur – ob in der Fortführung der Mandorla von Albrecht Altdorfers „Schöner Maria“ in der parabolischen Farbschleppe der Rotunde, der Zusammenführung von „Wasserzeichen-Decke“ und Buchmalerei im Salon oder der erneuten Integration der Wandmalereifragmente in den baulichen Zusammenhang einer durch Fensteröffnungen gegliederten Wand im Altdorfer-Saal. Im Raum der Hochaltäre werden die mehrteiligen, beidseitig bemalten Tafelbilder-Zyklen in eigens gefertigten Stahlkragrahmen präsentiert, die aus Wandnischen herausragen. Der allansichtige Ostendorfer-Altar erhielt ein neues Postament.

WECHSELWIRKUNG ZWISCHEN KUNSTWERK UND BAUGESTALT. Der so geschaffene kreuzungsfreie Ausstellungsparcours führt zu einer abwechslungsreichen, unterhaltsamen Präsentation der Kunstwerke und erzeugt mit räumlichen Mitteln die konservatorisch geforderten unterschiedlichen Ausstellungsbedingungen für die verschiedenen Exponate. In den dunkleren Buchkreuzen werden die Buchfolianten bei 50 Lux in neuen Tisch- und Standvitrinen auf speziell entwickelten, gefalteten Buchwiegen präsentiert, die auf einem Lichtpolster zu schweben scheinen. In den helleren Raumbereichen dazwischen wird die Tafelmalerei bei 300 Lux gezeigt, wobei zweifarbige Wand- und Deckengliederungen durch „gefaltete“ Farbflächen einen offen wirkenden Anschauungsraum schaffen, in dem das einzelne Kunstwerk maßstäbliche Bildorte findet: Ein Tafelbild an der Wand wirkt zuweilen wie ein Fenster in ihr. Wandvitrinen öffnen tatsächlich den Reliefraum der Wand, in konischer Ausbildung fokussieren sie auf die darin gezeigten kostbaren liturgischen Gefäße.

FOTOS
Tillmann Wagner Architekten

IN 7 MONATEN KONZIPIERT UND REALISIERT. Zwischen Beauftragung und Eröffnung der Museumsabteilung lagen nur sieben Monate. In dieser kurzen Zeitspanne wurden alle Konzeptionen erarbeitet, Abstimmungen mit Konservatoren vorgenommen und die Ausstellungsarchitektur mit sämtlichen Möbeln, Vitrinen, Buchwiegen und Beleuchtungen realisiert.

Zum Ausgleich des knappen Budgets führte der Architekt eine zusätzliche Sonderbauleitung nach dem Prinzip einer Bauhütte durch. In deren Rahmen wurden die Museumswerkstätten zur Fertigung ergänzender Objekte nach Entwurf angeleitet.

Das alles klingt recht preisverdächtig – und tatsächlich: Die Ausstellungsarchitektur wurde mit dem Heinze ArchitektenAWARD 2012 in der Kategorie Kulturbauten ausgezeichnet.

MÄANDRIEREND AUFGEBAUTES MOBILIAR. In der C-Lounge können die digitalisierten Bücher am Computer durchgeblättert werden. Das mäandrierend entwickelte Mobiliar und die spielerische, mediale Begegnung mit der Kunst öffnen einen medialen Zugang zur Buchmalerei auch für die Kids.

Die Neugestaltung des Treppenhauses orientierte sich konzeptionell an Furtmeyrs vegetabilen Girlanden, welche die Buchseiten am Rande ausschmücken. Vom neuen Buchcounter im Foyer führt eine prismenhaft aufgebaute Farb-Raum-Girlande den Besucher ins 2. Obergeschoß zur Ausstellung.